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WechseljahreKneipp-Therapie bei Wechseljahresbeschwerden

Getrocknete Pflanzen und Tabletten schön angerichtet auf einem Tisch.
Juefrateam/stock.adobe.com

von Rainer Brenke

Der Begriff des „Klimakteriums“ leitet sich von dem griechischen Wort „klimaktér“ ab, was „Stufenleiter“ oder „kritischer Zeitpunkt im Leben“ bedeutet. Im Deutschen sind das die „Wechseljahre“ vor und nach der Menopause. Ursachen sind hormonelle Umstellungen, in erster Linie eine verminderte Östrogenbildung sowie eine vermehrte LH- und Progesteronausschüttung.

Inhalt

Was sind typische Wechseljahresbeschwerden?

Wie werden Wechseljahresbeschwerden gelindert?

Prinzip der vegetativen Grundfunktionen nach Vogler

Was sind typische Wechseljahresbeschwerden?

Zu den typischen Beschwerden gehören Hitzewallungen, oft mit Schweißausbrüchen, außerdem Herzrasen, vermehrte Müdigkeit, Schlafstörungen, Schwindel, Mattigkeit, Depressionen und auch Migräne – also alles Symptome, die man einem psychovegetativen Komplex zuordnen könnte. Die Regelblutung wird unregelmäßig, sie kann auch zeitweise verstärkt sein oder es kann zu Zwischenblutungen kommen. Körperlich machen sich neben einer Atrophie der Genitalorgane oft eine Osteoporose, Gewichtszunahme, Fettstoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bemerkbar.

Wie werden Wechseljahresbeschwerden gelindert?

Man schätzt, dass bei 2 von 3 Patientinnen mit klimakterischem Syndrom Naturheilverfahren als alleiniger Therapieansatz ausreichend sind. Dies betrifft die leichten bis mittelschweren Beschwerden. Bei stärkeren Beschwerden können Naturheilverfahren als begleitende Therapie Nebenwirkungen der konventionellen Therapie lindern.

Oft zitiert wird in diesem Zusammenhang das Heidelberger Stufenkonzept zur integrativen Therapie im Klimakterium, das erst in der Stufe 3 die klassische Hormonersatztherapie beinhaltet:

  • Basis – Prävention durch adäquaten Lebensstil: Dazu gehören eine „gesunde“ Ernährung, Bewegung, angemessene Kleidung, vernünftige Regelung der Raumtemperatur, Umgang mit Stress, bewusste Spiritualität.
  • Stufe 1 – Methoden zur Eigenbehandlung: Nahrungsmittel mit hohem Flavonoid-Anteil, Kräutertee, Kneipp-Anwendungen
  • Stufe 2 – Naturheil- und andere komplementäre Verfahren: Behandlung von Symptomen mit Mitteln der Phytotherapie, der Traditionellen Chinesischen Medizin, der Homöopathie oder Neuraltherapie
  • Stufe 3 – Hormonersatztherapie: Hormone in niedriger Dosierung

Im Folgenden soll bei der Darstellung der naturheilkundlichen Möglichkeiten der Schwerpunkt bei den klassischen Naturheilverfahren, also den Kneipp’schen Therapieverfahren, liegen.

Hydro- und Thermotherapie

Hitzewallungen und Schweißausbrüche sind Symptome eines gestörten Wärmehaushalts und geradezu charakteristisch für klimakterische Beschwerden. Es liegt nahe, sie mit Methoden der Wärme- und Kältetherapie zu behandeln.

Sauna

Auch, wenn es zunächst nicht auf der Hand zu liegen scheint, bietet sich da als eine besonders effektive Maßnahme der regelmäßige Besuch der Sauna (etwa 1- bis 2-mal pro Woche) an, wenngleich diese streng genommen nicht zu den Kneipp’schen Therapieverfahren zählt. Durch die Sauna nimmt zwar das thermoregulatorisch bedingte Schwitzen in warmer Umgebung zu, gleichzeitig konnte aber auch die Erfahrung gemacht werden, dass das vegetativ bedingte Schwitzen (z. B. auch eine Hyperhidrosis an den Händen) durch regelmäßigen Saunabesuch nachlässt. Außerdem beeinflusst die Sauna die Stimmungslage positiv – ein nicht unerheblicher Aspekt in den Wechseljahren.

Wassertreten, Güsse, Waschungen

Als „kleinere“ Anwendungen können Wassertreten, kalte Güsse der Beine, Gesichtsgüsse und ähnliche Maßnahmen zur Konditionierung des Wärmehaushalts zum Einsatz kommen. Waschungen mit Zusatz von Salbei lindern mitunter die lästigen Schweißausbrüche. Bei kalten Füßen empfehlen sich abendliche ansteigende Fußbäder, am Anfang gegebenenfalls auch Senfmehlfußbäder. Das Senfmehl bzw. die darin enthaltenen ätherischen Öle reizen die Haut zusätzlich und regen die Durchblutung an.

Bei dann geübter Regulationsfähigkeit können wechselwarme Fußbäder (Kaltreiz immer zuletzt, deutlich kürzer als die Warmphase) oder auch kalte Güsse zum Auslösen einer reaktiven Hyperämie empfohlen werden. Die Sorge um warme Füße am Abend geht parallel mit dem Bemühen um einen gesunden Schlaf. Mit warmen Füßen schläft man schneller ein als mit kalten.

Tiefenerwärmung, Balneotherapie

Auch in den Bereich der Thermotherapie, wenn auch nicht Kneipp-Therapie, gehören Verfahren der Tiefenerwärmung, also Diathermie-Verfahren. Besonders bei Beschwerden im Unterleib wirken Erwärmungen durch Kurz- oder Mikrowelle oft subjektiv lindernd. Balneotherapie und Kuren haben bei gynäkologischen Erkrankungen einen hohen Stellenwert. Traditionell werden häufig Moorkuren verordnet, wobei man den im Moor nachgewiesenen hormonähnlichen Substanzen sowie Huminsäuren eine mehr oder weniger große Bedeutung beimisst.

Auch lokale Anwendungen sind zum Teil noch üblich. Unumstritten ist der besondere thermische Effekt dieser Maßnahmen.

Phytotherapie

Das bekannteste phytotherapeutische Präparat bei den beschriebenen Beschwerden stammt wohl aus der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa). Die Traubensilberkerze soll sowohl körperliche als auch psychische Symptome des Klimakteriums nachhaltig verbessern. Auch auf den Knochenstoffwechsel können sich Zubereitungen aus diesem Präparat positiv auswirken.

Es wurde eine Reihe von Inhaltsstoffen nachgewiesen, so eine östrogenartige Wirkung und eine LH-Suppression. FSH und Prolaktin werden dagegen im Gegensatz zu synthetischen Östrogenen nicht beeinflusst. Allerdings soll es bisher keine eindeutige Studie geben, die eine über einen Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung von Cimicifuga racemosa zeigt.

Eine positive Wirkung auf klimakterische Beschwerden wird außer der Traubensilberkerze auch der Ginsengwurzel zugeschrieben, die auch eine gonadotrope Wirkung haben soll.

Ebenfalls viele Phytoöstrogene enthalten der Rhapontische Rhababer (Kontraindikationen: östrogenabhängige Tumoren, unklare genitale Blutungen) und der Rotklee. Möglicherweise hat Rotklee auch eine kardioprotektive sowie antiosteoporotische Wirkung. Bis zur Klärung der Datenlage gilt das Mammakarzinom als Kontraindikation.

Schafgarbenkraut (Kontraindikation: Korbblütlerallergie) wird traditionell bei Unterleibskrämpfen eingesetzt, Hirtentäschelkraut bei Hypermenorrhö.

Bei vorrangig psychischen Problemen ist der Einsatz von Johanniskraut (Hypericum perforatum) angezeigt. Positiv bewertet ist dessen stimmungsaufhellende und antidepressive Wirkung bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Außerdem senkt Johanniskraut den Prolaktinspiegel und wirkt auf mehrere Neurotransmitter, wobei der Wirkmechanismus noch nicht vollständig geklärt ist.

Zu beachten ist eine erhöhte UV-Empfindlichkeit bei der Anwendung von Johanniskraut-Präparaten. Außerdem gibt es Interaktionen mit Antikoagulanzien, Ciclosporin, Digitoxin und Medikamenten der HIV-Therapie. Außerdem gelten eine Thromboseneigung bzw. Herzklappenersatz als Kontraindikation für tägliche Dosen über 900 mg Trockenextrakt. Johanniskraut kann als Tee oder Fertigpräparat angewandt werden, äußerlich auch als Tinktur, Öl oder Salbe.

Bei Unruhezuständen und Schlafstörungen können die bekannten Pflanzenpräparate aus Baldrian, Hopfen oder Melisse empfohlen werden. Wegen des beruhigenden Einflusses einer Teezeremonie bieten sich auch Teezubereitungen an.

Bis vor einigen Jahren und der Warnung vor möglichen Nebenwirkungen waren auch Kava-Kava-Präparate (Rauschpfeffer) wegen ihrer Angst und Spannung lösenden Wirkung weit verbreitet. Salbei kann z. B. als Tee gegen Schweißausbrüche hilfreich sein und auch äußerlich für Waschungen angewandt werden.

Bewegungstherapie

Bewegung gilt heute als der „Gesundheitsmotor“ schlechthin, wenn es z. B. um die Vorbeugung und Behandlung von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose, Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden, ja auch um eine Krebsprophylaxe geht. Ein besonderer Stellenwert kommt dabei der Kräftigung einer oft unterentwickelten Muskulatur zu. Heute wird auch empfohlen, tgl. mindestens 30 Minuten einer sportlichen Aktivität nachzugehen – davon wenigstens 15 min im Freien. Aber auch schon 2-mal wöchentlich 30 Minuten zeigen einen nachweisbaren Nutzen. Geeignet sind je nach Gesundheitszustand und Vorlieben Nordic Walking, Wandern, Joggen, Gymnastik, Schwimmen, aber auch Krafttraining.

Die Betätigung im Freien bringt auch ein gesundes Maß an Sonnenbestrahlung mit sich. Das ist bekanntermaßen ein natürlicher Reiz zur Bildung von Vitamin D und damit zur Vorbeugung einer sonst häufigen Osteoporose und evtl. auch anderer Erkrankungen.

Entscheidend ist, dass die Bewegung Spaß macht und nicht nur Kraft, Koordination und Beweglichkeit schult, sondern sich auch positiv auf die oft depressive Stimmungslage auswirkt.

Hinweise zur Ernährung

Allgemein empfohlen werden Nahrungsmittel, die reich an Phytoöstrogenen bzw. Isoflavonen sind. Dazu zählen Sojabohnen, Leinsamen, Vollkorngetreide und Gemüse. Besonders Hülsenfrüchte aus den Tropen sollen reich an Phytoöstrogenen sein. 60 Gramm Sojaextrakte können nach einer placebo-kontrollierten Studie zu einer deutlichen Verringerung der klimakterischen Beschwerden führen. Außerdem erhöhte sich der Mineralgehalt im Lendenwirbelsäulen-Bereich.

Sonst sind Nahrungsergänzungsmittel mit Isoflavonextrakten zwar weit verbreitet, ihre Wirksamkeit ist aber nicht sicher erwiesen.

Beim Leinsamen wird auch dem hohen Gehalt an Lignanen eine Bedeutung beigemessen. Auch eine ausreichende Zufuhr von Vitamin E und Kalzium über die Nahrung wird empfohlen. Kalzium in der Nahrung soll einer Osteoporose vorbeugen und im Gegensatz zu Kalzium in Tablettenform keine potenziell negativen Wirkungen haben, was vielleicht aber auch nur eine Frage der Dosis ist.

Ein Heilfasten nach Buchinger oder in Form einer anderen Fasten-Variante kann übrigens ein so intensiver vegetativer Reiz sein, dass sich danach auch klimakterische Beschwerden bessern können. Fasten kann auch den Einstieg in eine andere, vollwertige, meist ovolaktovegetabile Ernährung sein, was auch im Rahmen einer möglicherweise anzustrebenden Gewichtsreduktion sinnvoll sein kann. Langfristig können auch 1 oder 2 Entlastungstage in der Woche eingeplant werden. Die Empfehlungen zur Ernährung richten sich natürlich auch nach den Begleitumständen wie Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes oder Hypertonus. Kochsalz- und Alkoholrestriktion können dabei eine Rolle spielen.

Ordnungstherapie

Die „Ordnungstherapie“ zählt zu den 5 Säulen der klassischen Naturheilverfahren – in erster Linie ist eine „Ordnung der Seele“ gemeint. Heute würden wir diese Therapie weitgehend mit einem psychosomatischen Ansatz gleichsetzen. Jede Frau geht mit den „Wechseljahren“ anders um, im Einzelfall kann eine Gesprächstherapie durchaus sinnvoll sein. Auch Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation, Yoga oder ähnliche Methoden können helfen.

Im Rahmen eines naturheilkundlich-ganzheitlichen Denkens soll man aber auch berücksichtigen, dass die Wechselwirkung Seele – Körper in beide Richtungen geht. Auch eine Linderung der körperlichen Symptome kann also seelische Störungen positiv beeinflussen und – wie wir heute eher gewohnt sind zu denken – eben auch umgekehrt.

Prinzip der vegetativen Grundfunktionen nach Vogler

Das Thema „klimakterische Beschwerden“ soll zum Anlass genommen werden, an ein altes, von Vogler entwickeltes Therapieprinzip zu erinnern. Es ist das Prinzip der vegetativ vermittelten „Grundfunktionen“:

Eine Vielzahl von Funktionen im Körper laufen unbewusst ab. Ihre Steuerung erfolgt über das vegetative Nervensystem. Viele chronische Erkrankungen gehen mit einer Störung einer oder mehrerer dieser vegetativen Funktionen einher. Das beeinträchtigt die Lebensqualität und kann zum eigenständigen Krankheitsbild werden. Außerdem kann der Verlauf der ursprünglichen Erkrankung ungünstig beeinflusst werden.

Hier greift der Gedanke Paul Voglers an. Neben der Colon- und Periostbehandlung und der Schleimhautregie ist das System der „Grundfunktionen“ mit seinem Namen verbunden.

Zu den „Grundfunktionen“ gehören nach Vogler:

  • Wärmehaushalt (Neigung zu kalten Händen oder Füßen, Schwitzen oder Frieren)
  • Verdauungsfunktion (Chronische Obstipation oder Diarrhö)
  • Schlaf (Ein- oder Durchschlafstörungen, Albträume, Gefühl des Unausgeschlafenseins)
  • Atmung (speziell das Gefühl, nicht richtig Durchatmen zu können, Erleichterung nach tiefer Inspiration)
  • Menstruation (Hyper- oder Dysmenorrhö, Unregelmäßigkeiten)

Gestörte vegetative Funktionen können sich sowohl in positivem als auch in negativem Sinne gegenseitig beeinflussen. Natürlich sollten Organerkrankungen wie eine partielle Arterielle Verschlusskrankheit oder Schilddrüsenfunktionsstörungen ausgeschlossen sein, bevor man eine derartige funktionelle Störung diagnostiziert. Das Prinzip der Grundregulationen hat den Vorteil, dass man gezielt nach Funktionsstörungen fragt, die die Patientin möglicherweise nicht mit ihrem Klimakterium in Zusammenhang bringt und die sonst nicht beachtet werden.

Beispiele für gestörte Grundfunktionen und prinzipielle naturheilkundliche Therapieoptionen

Bevor man die Diagnose einer „vegetativ“ gestörten Grundfunktionsstörung stellt, ist natürlich die gerade erwähnte Ausschlussdiagnostik von „organischen“ Krankheiten unerlässlich. Liegen diese nicht vor, so sind nachfolgend einige Beispiele für eine naturheilkundlich geprägte Therapie aufgeführt:

  • Störungen des Wärmehaushalts – je nach Symptomatik und Regulationsfähigkeit: Wassertreten, „Nasse Socken“, kalte oder wechselwarme Güsse, Senfmehlfußbäder, Sauna, Bindegewebsmassagen, Fußreflexzonenmassagen, Autogenes Training, Zellenbäder.
  • Verdauungsprobleme, chronische Obstipation: Kolonmassage, andere Reflexzonenmassagen, Training der Bauchmuskulatur, Ernährungsumstellung in Richtung einer vollwertigen, ballaststoffreichen Ernährung, Heilfasten, ausreichend Flüssigkeitszufuhr.
  • Schlafstörungen: Ausschluss von Ursachen (Schlaf-Apnoe!), Erlernen von Entspannungstechniken, Ordnung anderer Grundfunktionen (Wärmehaushalt!), Sauna, Phytotherapie, Reflexzonenmassagen.
  • Atmungsprobleme: Atemtherapie (auch in der Gruppe), Atemfeedback, Yoga, bei Vorliegen entsprechender Befunde: Manuelle Therapie zur Beseitigung von BWS-Blockierungen.
  • Menstruationsstörungen: Diese betreffen beim Klimakterium nun einmal das Krankheitsbild an sich. Ansonsten: Heiße Rolle (Kreuzbein), Fußbäder, Wärme (auch Diathermie-Verfahren aus dem Bereich der Elektrotherapie), Bindegewebsmassagen, andere Reflexzonenmassagen, Phytotherapie.

Viele Störungen der „Grundfunktionen“ sind sicher auch der Traditionellen Chinesischen Medizin – speziell der Akupunktur – oder einer psychotherapeutischen Intervention

zugänglich. Die klassischen Naturheilverfahren bieten sich aber oft zu ihrer Therapie an, da sie unmittelbar an der gestörten Funktion angreifen können. Dies betrifft sowohl die Störung von Grundfunktionen allgemein als auch speziell Probleme im Klimakterium.

PD Dr. med. Rainer Brenke
Facharzt für Innere Medizin, Physikalische und Rehabilitative Medizin, Naturheilverfahren

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