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Klima und PsycheKlimawandel: Dramatische Auswirkungen auf die psychische Gesundheit

Hochwasser, Ahrtal
Christian/stock.adobe.com

Posttraumatische Belastungsstörungen steigen nach Extremwetterereignissen stark an. Auch generalisierte Ängste, Depressionen und Suizide nehmen zu, wenn die Lebensgrundlagen Betroffener zerstört wurden.

Auf der UN-Klimakonferenz im ägyptischen Scharm El-Scheikh wird intensiv darüber diskutiert, wie die Folgen des Klimawandels eingegrenzt und abgemildert werden können. Bislang fokussiert die Diskussion auf Umwelt, Lebensumstände und die körperliche Gesundheit der Menschen.

Mehr Suizide bei Hitze, PTBS in Folge von Extremwetterereignissen

Nicht minder dramatisch sind die Auswirkungen für die Psyche. Die DGPPN-Task-Force Klima und Psyche hat erarbeitet, was über den Zusammenhang von Psyche und Klimawandel bekannt ist. Mit der „Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit“ hat sie Handlungsaufforderungen für die Politik und eine Selbstverpflichtung der Psychiatrie vorgestellt.

Vermehrt Suizide bei Hitze, Posttraumatische Belastungsstörungen in Folge von Extremwetterereignissen, neue Syndrome wie Eco-Distress oder Solastalgie – der Klimawandel gefährdet die psychische Gesundheit direkt und indirekt. Der psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlungsbedarf wird steigen und die Psychiatrie muss sich darauf einstellen. Bislang ist das Gesundheitssystem darauf nicht vorbereitet.

Mit der „Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit“ fordert die Psychiatrie die Politik auf, sofort tätig zu werden. Es müssen jetzt die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die psychiatrische Versorgung auch in der Klimakrise gewährleisten zu können. Gesundheitsförderung muss in allen politischen Bereichen priorisiert und die seelische Gesundheit konsequent einbezogen werden. Das Gesundheitssystem muss für den steigenden Bedarf gerüstet werden. Gleichzeitig verpflichten sich die in der Psychiatrie Tätigen, ihren Beitrag zur Bewältigung der enormen Herausforderungen zu leisten und die Psychiatrie nachhaltig und klimaneutral zu machen. Auch die DGPPN will künftig noch konsequenter für die Klimaneutralität eintreten.

Als Handlungsleitfaden dient das Positionspapier „Klima und Psyche“. Es enthält den aktuellen Forschungsstand,  sind darin auch Checklisten und Materialsammlungen für Kliniken und Praxen zusammengestellt. „Die Psychiatrie als Disziplin kann so das ihrige tun, den Klimawandel und seine Folgen zu beeinflussen. Insbesondere aber können wir als Psychiater und Psychotherapeuten entscheidend dazu beitragen, dass die Bevölkerung den kommenden Belastungen psychisch stabil entgegentreten kann“, skizziert der Past President der DGPPN Andreas Heinz die Möglichkeiten der Psychiatrie. Der designierte DGPPN-Präsident Andreas Meyer-Lindenberg ergänzt: „Jede weitere Unterschrift unter der „Berliner Erklärung“ ist ein Zeichen dafür, dass die Psychiatrie Verantwortung für die Zukunft übernimmt.“

Die „Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit“ kann unter dgppn.de unterzeichnet werden.

Klimakrise ist existenzielle Krise der Menschheit

"Unser Handeln in den nächsten zehn Jahren beeinflusst unsere Lebensbedingungen auf diesem Planeten für die nächsten 10.000 Jahre", sagt der Arzt und Wissenschaftsjournalist Prof. Eckart von Hirschhausen. Hirschhausen engagiert sich als ehemaliger Arzt in der Kinderpsychiatrie und Gründer der Stiftung "Gesunde Erde - Gesunde Menschen" für die „Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit“.

Die Klimakrise sei die existenziellste Krise, die die Menschheit je zu bewältigen hatte. Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 habe die zerstörerische Kraft von Extremwetterereignissen deutlich gemacht und die damit verbundene Gefahr seelischer Traumatisierungen offenbart. Die Auswirkungen von starker Hitze auf Körper und Psyche haben sich im Sommer 2022 in ganz Europa und speziell auch in Deutschland gezeigt, mit trockenen Böden, Trinkwassermangel und zunehmenden Ängsten.

Prävalenz der PTBS steigt nach Extremwetterereignissen massiv

„Die menschengemachte Zerstörung der Biodiversität der Erde und der damit einhergehende Klimawandel wirken sich direkt negativ auf unsere psychische Gesundheit aus", so der Psychiater Prof. Andreas Heinz von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Extremwetterereignisse in der Vergangenheit haben demnach einen massiven Anstieg Posttraumatischer Belastungsstörungen gezeigt: Jeder dritte Bewohner in New Orleans zeigte nach dem Hurrikan Katrina Symptome einer PTBS; In England litten nach einer Flutkatastrophe mehr als ein Drittel der Bevölkerung in der Region an PTBS. 

"Wenn Naturkatastrophen die Lebensgrundlage von Betroffenen zerstören, steigen auch Generalisierte Ängste, Depressionen und die Suizidraten. Auch Hitzewellen und Luftverschmutzung haben direkte Auswirkungen auf die Psyche. Je höher die Belastung durch Feinstaub, desto höher ist beispielsweise die Anzahl der Suizide. Und starke Hitze schränkt nicht nur die menschliche Konzentrations- und Funktionsfähigkeit ein. Eine aktuelle Meta‐Analyse zeigt, dass pro 1°C-Temperaturanstieg auch das Risiko für psychische Erkrankungen steigt – um 0,9 %", so Heinz weiter.

"Zu diesen direkten Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit addieren sich die indirekten Folgen: Ökonomische Krisen, Nahrungsmittelunsicherheit, gewaltvolle Konflikte und die Vertreibung von Menschen. All dies – sowie neue, vollkommen begründete Zukunftsängste – sind zusätzliche, massive Belastungs- und Risikofaktoren für die psychische Gesundheit. Die Psychiatrie sieht es als ihre Aufgabe, über diese Zusammenhänge aufzuklären und Menschen in dieser Krise so weit wie möglich psychisch zu stabilisieren.“

Patient*innen mit psychischen Erkrankungen besonders vulnerabel

„In der Psychiatrie und Psychotherapie müssen wir in den nächsten Jahren mit einer Häufung von Erkrankungen rechnen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen. Unsere Patient*innen gehören zu einer für die Folgen des Klimawandels besonders anfälligen, vulnerablen Gruppe", berichtet Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zu den Auswirkungen des Klimawandels auf das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem.

"Psychische Erkrankungen sind z.B. einer der wichtigsten Risikofaktoren für hitzebedingte Todesfälle. Sie verdreifachen das Mortalitätsrisiko während Hitzewellen und sind damit schwerwiegender als kardiovaskuläre oder Lungenerkrankungen. Die Patienten können sich häufig nicht ausreichend selbstständig vor Hitze schützen, deshalb muss das Versorgungsystem hier aktiv werden. Wir müssen schon jetzt überlegen, wie wir die psychiatrische Versorgung nach Naturkatastrophen aufrechterhalten und wie wir auch neu auftretende Syndrome wie Eco-Distress, Klimaangst und Solastalgie behandeln können. Dafür brauchen wir ein erweitertes Spektrum psychiatrisch-psychotherapeutischer Angebote und Spezialambulanzen. Zudem müssen wir natürlich die Psychiatrie selbst klimaneutral machen – und zwar sowohl im Bereich der klinischen Versorgung, der Forschung als auch der Aus- und Weiterbildung der Kolleginnen und Kollegen. Die DGPPN strebt die Klimaneutralität bis 2030 an.“

Verantwortung von Psychiatrie und Politik

Prof. Mazda Adli von der Fliedner Klinik Berlin ergänzt, warum Psychiatrie und Politik in der Verantwortung stehen. 

"Als Psychiater und Psychotherapeuten betrachten wir es als unsere persönliche und berufliche Verantwortung über den Zusammenhang von Klimawandel und psychischer Gesundheit aufzuklären und die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit zu behandeln. Mit Aufklärung und Behandlung allerdings ist es nicht getan. Deshalb haben wir mit der „Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit“ drängende Forderungen an die Politik formuliert. Es sind Dinge, die getan werden können und müssen, um die Folgen des Klimawandels für die psychische Gesundheit und insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen abzumildern. Dafür muss Gesundheitsförderung in allen Bereichen priorisiert und die seelische Gesundheit konsequent einbezogen werden. Zudem muss die Politik bei der Planung der zukünftigen psychiatrischen Versorgung berücksichtigen, dass Extremwetterereignisse und klimawandelspezifische Belastungen zu neuen und steigenden Bedarfen führen werden. Mit der Unterzeichnung der „Berliner Erklärung zu Klimawandel und psychischer Gesundheit“ unterstütze ich diese Forderungen an die Politik und verpflichte mich, in unserer Klinik das Möglichste zu tun, einen Beitrag zur Bewältigung der enormen Herausforderungen der Klimakrise zu leisten.“

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde