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NeurologieRisikofaktoren für sensomotorische Neuropathie identifiziert

Umweltbelastungen begünstigen die Entstehung sensomotorischer Polyneuropathien, so eine neue Studie. Die Krankheit ist nicht nur eine Gefahr bei Diabetes.

3D Illustration des menschlichen Nervensystems.
magicmine/stock.adobe.com

Vor allem Luftverschmutzung und Adipositas begünstigen die Entstehung von DSPN.

Aktuelle Studienergebnisse assoziieren erstmals umweltbedingte Risikofaktoren mit der Entstehung distaler sensomotorischer Polyneuropathien (DSPN). Forscher*innen des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Kooperation mit Helmholtz Munich konnten feststellen, dass Menschen mit Adipositas ein erhöhtes Risiko haben, eine DSPN zu entwickeln.

Umweltbelastungen begünstigen Entstehung von DSPN

Typ-2-Diabetes gehört zu den häufigsten Ursachen für eine Polyneuropathie. Es gibt jedoch zahlreiche Hinweise aus präklinischen, klinischen und epidemiologischen Studien, die darauf hindeuten, dass Entzündungen und oxidativer Stress ebenfalls auslösende Mechanismen darstellen. Auch eine endotheliale Dysfunktion oder Mikroangiopathie gelten als Effektorwege, die metabolische und altersbedingte Schädigungen mit neuropathischen Schäden verbinden.

Ziel der Forschungsgruppe war es daher, umweltbedingte Langzeitbelastungen und das Auftreten von DSPN zu untersuchen, gleichzeitig auftretende Expositionen zu bewerten und die These zu überprüfen, ob das DSPN-Risiko bei Menschen mit Adipositas höher ist als bei Menschen ohne Adipositas. Dazu wurden die vier Umweltfaktoren „niedrige Umgebungstemperatur“, „geringer Grünanteil“, „hoher Straßenlärm“ und „hohe Luftverschmutzung“ bei 423 Personen im Alter von 62-81 Jahren ohne DSPN untersucht.

Adipositas erhöht Risiko DSPN zu entwickeln

Die sensomotorische Polyneuropathie zeichnet sich durch Empfindungs- und Bewegungsstörungen sowie Schmerzen aus, die zumeist in den unteren Extremitäten beginnen und deren Symptomatik im Laufe der Zeit zunimmt. Bei Menschen mit Diabetes kann sie zum diabetischen Fußsyndrom bis hin zur Amputation führen. Es gibt zunehmend Hinweise, dass auch Menschen mit Adipositas oder verwandten Komorbiditäten ohne die Diagnose Diabetes bereits eine anfällige Untergruppe der Bevölkerung darstellen:

„Bei den Probanden der KORA-Studie, die eine DSPN entwickelten, konnte dies ebenfalls gezeigt werden“, erklärt Prof. Christian Herder vom DDZ. „Sie waren durch höheres Alter, einen höheren BMI und Taillenumfang sowie einen höheren Anteil kardiovaskulärer Erkrankungen gekennzeichnet als Menschen, die keine DSPN entwickelten.“igungstext

Luftverschmutzung als Risikofaktor Nummer eins

Unter den gemessenen Umweltfaktoren der Studie zeigten Luftverschmutzung und insbesondere ultrafeine Partikel die stärkste Assoziation mit der Entwicklung einer DSPN. Da Umweltrisikofaktoren jedoch nicht getrennt wirken, sondern gegenseitige Abhängigkeiten aufweisen, sollten sie auch gemeinsam betrachtet werden. „Nur so kann die Bewertung der gemeinsamen Auswirkungen ein umfassenderes Bild des Krankheitsrisikos bieten“, meint auch Experte Herder.

Die gemeinsame Analyse aller Expositionen zeige demnach additive Effekte mit einem 1,4-fach erhöhten DSPN-Risiko, basierend auf einer niedrigeren Lufttemperatur in der warmen Jahreszeit, weniger Grün in der Nähe der Wohnorte der Teilnehmer*innen und höheren Geräuschpegeln und ultrafeinen Partikelkonzentrationen – unabhängig davon, ob es Menschen mit oder ohne Adipositas betraf.

Menschen mit Adipositas schienen jedoch anfälliger für die meisten Expositionen zu sein, was zu einem zweifach erhöhten DSPN-Risiko führte, wenn alle vier Risikofaktoren in einem gemeinsamen Modell bewertet wurden.

Interventionen gegen Umweltgefahren notwendig 

Die Studie fügt die sensomotorische Neuropathie der wachsenden Liste an Krankheiten hinzu, deren Auftreten durch Umweltrisikofaktoren, insbesondere durch Luftverschmutzung, erhöht wird. Dies unterstreicht die Notwendigkeit koordinierter gesellschaftlicher und politischer Interventionen, um Umweltgefahren für alle zu reduzieren und einen ganzheitlicheren Ansatz zur Krankheitsprävention zu verfolgen, indem Lebensstil, sozioökonomische und Umweltfaktoren gleichzeitig angegangen werden.

„In dieser Gleichung stellt vor allem die Adipositas den veränderbaren Risikofaktor dar. Daher kommt der Prävention und Behandlung dieser Erkrankung mit all ihren Begleiterscheinungen in Deutschland eine immense Bedeutung zu, die nicht nur Aufgabe der Behandelnden, sondern auch der Politik sein muss“, fordert auch Prof. Michael Roden, Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Quelle: Deutsches Diabetes-Zentrum