Georg Thieme Verlag KG
Natürlich Medizin!

MikronährstoffeVergessene Nährstoffe - Vitamin B6

Products with Vitamin B6.
bit24/stock.adobe.com

von Simon Feldhaus

Der Begriff Vitamin B6 umfasst als Sammelbezeichnung 3 miteinander verwandte chemische Verbindungen (3-Hydroxy-2-Methyl-Pyrimidin-Derivate) und deren Phosphatester [5]: Pyridoxin, Pyridoxal, Pyridoxamin und somit Pyridoxin-5-Phosphat, Pyridoxal-5-Phosphat und Pyridoxamin-5-Phosphat. Der Organismus kann bei Bedarf die verschiedenen Formen ineinander umwandeln. Die wichtigste, biologisch aktivste Form von Vitamin B6 ist Pyridoxal-5-Phosphat (P5P).

Inhalt

Vorkommen

Bedarf

Funktionen und Eigenschaften

Vitamin-B6-Mangel: Risikogruppen und Symptome

Mit Vitamin-B6-Mangel assoziierte Erkrankungen

Symptome der Überdosierung

Diagnostik und Therapie

Fazit

Tierische Quellen enthalten die besonders gut resorbierbaren Formen Pyridoxal-5-Phosphat und Pyridoxamin-5-Phosphat. Pflanzliche Quellen enthalten hingegen die weniger gut resorbierbaren Formen Pyridoxin-Glucosid, Pyridoxin und Pyridoxal-5-Phosphat.

Da der Körper kein Vitamin B6 speichern kann, ist die tägliche Zufuhr zwingend notwendig.

Vorkommen

Vitamin B6 kommt in vielen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor. Die größte Menge an Pyridoxin findet sich in Huhn und Rinder-, Schweine- und Kalbsleber. Gute Quellen sind auch Fisch (Lachs, Thunfisch, Sardinen, Heilbutt und Hering), Nüsse (Walnüsse), Erdnüsse, Brot, Mais und Vollkorngetreide. Gemüse und Früchte sind eher arm an Vitamin B6.

Bedarf

Die empfohlene Tageszufuhr an Vitamin B6 (Pyridoxin) hängt von Alter, Geschlecht und der Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe (z. B. bei CED, Einnahme bestimmter Medikamente) ab [22]. Die D-A-CH-Gesellschaft für Erwachsene empfiehlt je nach Geschlecht und Alter eine tägliche Dosis an Vitamin B6 von 1,2-1,6 mg (Frauen bzw. Männer). Abhängig von der Zufuhr an Proteinen wird in anderen Quellen [2] ein täglicher Bedarf von 2-3 mg angegeben. Bei proteinreicher Ernährung erhöht sich der Vitamin-B6-Bedarf, da die Funktionsfähigkeit des Protein-Stoffwechsels an Pyridoxin gebunden ist. Daher haben beispielsweise Kraftsportler einen erhöhten Bedarf an Vitamin B6. Aber auch Frauen, die schwanger sind oder die Antibabypille einnehmen sowie ältere Menschen sollten mehr Vitamin Bzu sich nehmen als der Durchschnittsbürger [1].

Funktionen und Eigenschaften

Vitamin Bfungiert als Kofaktor bei mehr als 140 Enzymen die unterschiedliche biochemische Reaktionen im Körper katalysieren, so auch den Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel. Vitamin B6 ist zudem ein Kofaktor bei der Umwandlung von Homocystein in Cystein. Ein Mangel an Vitamin B6 trägt somit zur Erhöhung des Homocysteinspiegels bei und verstärkt damit das Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Krebs. Zudem stellt ein verringerter Vitamin-B6-Status, unabhängig vom Homocystein, einen eigenständigen Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen dar.

Vitamin B6 wird u. a. benötigt für die Blutbildung (P5P-abhängige Synthese von Häm) und für den Sauerstofftransport, für die normale Herz- und Skelettmuskelfunktion (P5P-abhängige Synthese von Myoglobin), den Energiestoffwechsel in Zellmitochondrien (P5P-abhängige Synthese von Cytochromen und Coenzym Q10 sowie Abbau von Glykogen), die Zellfunktionen und Zellteilung (P5P-abhängige Synthese von DNA, RNA und Sphingomyelin). Zudem gewährleistet es die Funktionsfähigkeit des Immunsystems, des endokrinen Systems und des Nervensystems (P5P-abhängige Synthese von Monoamin-Neurotransmittern, Sphingolipiden und Taurin).

Auch die Biosynthese der Sphingolipide, die als wichtige Bestandteile der Myelinscheiden fungieren, ist abhängig von Vitamin B6. Deshalb ist der Einsatz bei neurologischen oder neurodegenerativen Krankheiten sehr sinnvoll.

In den letzten Jahren konnte nachgewiesen werden, dass Pyridoxin, Pyridoxal und Pyridoxamin starke Antioxidanzien sind. Pyridoxamin wirkt der Bildung von AGEs (advanced glycation end products) entgegen, die bei Diabetes mellitus in verstärktem Maße gebildet werden und zu diabetischen Komplikationen beitragen.

Vitamin-B6-Mangel: Risikogruppen und Symptome

Ein ausschließlicher Vitamin-B6-Mangel tritt selten auf, er geht meist einher mit einem Mangel an anderen B-Vitaminen (v. a. an Vitamin B2). Ein Vitamin-B6-Mangel kommt v. a. bei schwangeren und stillenden Frauen (Mehrbedarf) vor, bei Einnahme oraler Verhütungsmittel, bei älteren Menschen (geringere Nahrungsaufnahme), Untergewichtigen, Alkoholkranken sowie bei Menschen mit hoher Proteinzufuhr. Symptome sind z. B. Störungen des Nervensystems (Reizbarkeit, Depressionen und Verwirrung), Beeinträchtigung des Immunsystems und Entzündungen von Haut und Schleimhäuten.

Symptome

Mit einem Vitamin-B6-Mangel assoziierte Krankheiten oder Symptome sind:

  • Appetitlosigkeit, Durchfall und Erbrechen

  • Dermatitis

  • Wachstumsstörungen

  • Depressionen und Angststörungen

  • Schlafstörungen wie Schlaflosigkeit

  • fehlende Traumerinnerung

  • neurologische Störungen (z. B. Ataxie)

  • eisenrefraktäre, hypochrome mikrozytäre Anämie

  • Anorexia nervosa (Magersucht)

  • Entzündungen im Mund

  • gesteigerte Erregbarkeit

  • Limer-Krankheit (gesteigerte Erregbarkeit, Schreckhaftigkeit, Krampfanfälle - tritt bei Säuglingen auf, die mit stark erhitzter Säuglingspulvermilch ernährt werden)

  • Parästhesien

  • Pigmentstörungen

  • seborrhoische Dermatitis (Hautentzündung) im Nasen- und Augenbereich, die mit vermehrter Talgproduktion einhergeht

Interaktionen mit Arzneimitteln und Mikronährstoffen

Auch Arzneimittel können einen Vitamin-B6-Mangel hervorrufen, indem sie den Bedarf erhöhen, die Resorption beeinträchtigen oder eine erhöhte Ausscheidung über die Nieren provozieren.

  • erhöhter Bedarf: Antiepileptika, L-Dopa, mstrogene, Mitomycin, Erythropoetin oder Alkohol

  • gestörte Resorption oder Utilisation: Antazida, Isoniazid, Hydralazin, D-Penicillamin, Zytostatika wie 5FU, Capecitabin und Doxorubicin

  • erhöhte Ausscheidung: Azathioprin, Chloramphenicol, Kortikoide, Diuretika, Magnesium, Zink

Praxis

2 mg Vitamin B6 sind z. B. enthalten in:

  • 175 g Sojabohnen

  • 200 g Haferflocken

  • 200 g Rinderleber

  • 250 g Vollkornreis

  • 450 g Kalbfleisch

  • 2 kg Obst (besonders Bananen)

Wie hoch der Vitamin-B6-Gehalt im jeweiligen Lebensmittel tatsächlich ist, hängt auch stark von dessen Zubereitung ab. So gehen beim Kochen oder Braten von Fleisch etwa 30 % des ursprünglichen Vitamin-B6-Gehaltes verloren. Bei eingefrorenen Lebensmitteln kann der Verlust sogar bis zu 50 % betragen.

Mit Vitamin-B6-Mangel assoziierte Erkrankungen

Bei folgenden Erkrankungen kann ein Vitamin-B6-Mangel bestehen: Asthma bronchiale, Autismus, Diabetes mellitus, Hämodialyse, Chronische entzündliche Darmerkrankungen (CED), PMS, AIDS/HIV. Dabei kann krankheitsbedingt oder durch die verabreichten Medikamente der Verbrauch an Vitamin Berhöht oder die Vitamin-B6-Resorption aus der Nahrung vermindert sein.

Auch bei Kryptopyrrolurie (KPU), einer häufig übersehenen Stoffwechselstörung, die eine Vielzahl an unspezifischen Symptomen auslösen kann, liegt ein Vitamin-B6-Mangel vor - allerdings in Kombination mit Zink. Beide werden - gebunden an Kryptopyrrol - vermehrt über den Urin ausgeschieden. Der kombinierte Mangel von Zink und Vitamin B6 kann verschiedene Symptome sowie psychische und psychosomatische Störungen auslösen, z. B. Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Depressionen, Haarausfall, Infektionsneigung, rissige Haut. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit ADHS bei Kindern und Jugendlichen.

Cave

Vitamin B6 kann bereits in geringen Dosierungen (Tagesdosierung ab 2 mg) aufgrund vermehrter peripherer Decarboxylierung von Levodopa - Vitamin B6 wirkt als Coenzym der L-Aminosäuredecarboxylase - zu einem Wirkungsverlust von L-Dopa führen. Ebenso kann der Wirkspiegel von Phenytoin oder Phenobarbital durch Vitamin-B6-Dosierungen von 80-400 mg absinken, was bei der Behandlung von Epilepsie ist beachtet werden muss.

Symptome der Überdosierung

Werden über einen längeren Zeitraum hohe Dosen an Vitamin B6 eingenommen, kann es zu einer Überdosierung kommen. Eine chronischen Überdosierung liegt ab einer täglichen Einnahme von mehr als 500 mg Vitamin B6 vor. Diese Menge kann nur durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel erzielt werden. Infolge der Überdosierung können mit der Zeit Nervenschäden auftreten. Diese machen sich z. B. durch erhöhte Lichtempfindlichkeit, Akne, Lähmungserscheinungen, Reflexausfälle, Störungen des Temperatursinns oder Gefühlslosigkeit in den Extremitäten bemerkbar. Darüber hinaus können auch entzündliche Reaktion der Haut auftreten.

Praxis

  • Auch bei längerfristiger Anwendung wurden bei Dosierungen bis 300 mg täglich keine Nebenwirkungen gesehen.
  • Während Schwangerschaft und Stillzeit sollten täglich nicht mehr als 25 mg Vitamin B6 eingenommen werden!

Diagnostik und Therapie

Diagnostik

Die Labordiagnostik sollte ausschließlich im Blut mit der Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) erfolgen. Die Blutabnahme sollte möglichst vor dem Frühstück und vor der Medikamenteneinnahme vorgenommen werden. Benötigt werden 2 ml EDTA-Plasma, die gekühlt und lichtgeschützt transportiert werden müssen. Ein P5P-Blutspiegel von über 30 nmol/l (oder ein Gesamt-Vitamin-B6-Gehalt im Blut von über 40 nmol/l) bedeutet, dass die Vitamin-B6-Versorgung ausreichend ist.

Indikationen

Gute Indikationen für die Anwendung sind:

  • Schwangerschaftserbrechen und Reiseübelkeit (Tagesdosierung von 20-150 mg)

  • prämenstruelles Syndrom (v. a., wenn Reizbarkeit, Schlafstörungen und Hunger auf Süßes vorliegen), einige Tage prämenstruell 40-100 mg [15]

  • mikrozytäre Anämie, die nicht auf Eisen (und Kupfer) anspricht, evtl. liegt ein Vitamin-B6-Mangel vor

  • Histaminintoleranz

  • Karpaltunnelsyndrom (vor einer Operation versuchsweise täglich 3 Monate 300 mg [14])

  • Homocysteinämie: zusammen mit Folsäure und Vitamin B12 zur Senkung erhöhter Homocysteinwerte und des Arterioskleroserisikos [10]

  • Oxalatsteinbildung in der Niere zur Rezidivvermeidung (Verringerung der Oxalsäureausscheidung in den Nieren)

  • Infektabwehr

  • chronisch entzündliche Krankheiten [4]

  • Lernstörungen, Konzentrationsschwäche, Überaktivität

  • Depressionen, Schlafstörungen, Alpträume oder fehlende Traumerinnerung [11]

  • Verdacht auf oder Nachweis eines Serotoninmangels

  • neurologische Erkrankungen (z. B. Epilepsie, Nervenentzündungen, Polyneuropathie) [20]

  • Tumoren - zur Steigerung der Immunabwehr, es wurden niedrige Serumspiegel an Vitamin B6 gefunden

  • Einnahme (der oben genannten) Medikamente zur Vorbeugung eines Mangels (v. a. bei Einnahme von Sexualhormonen, die oft über viele Jahre eingenommen werden)

 Dosierung

Praxis

In der Regel wird (normales) Vitamin B6 (Pyridoxin) in Form von Kapseln in einer Dosierung von 10-100 mg täglich verabreicht. Zur Therapie besser geeignet ist allerdings P5P, da es nicht erst von der Leber verarbeitet werden muss und somit direkt stoffwechselaktiv ist.

Die empfohlene täglichen Mindestmengen (RDA) für Vitamin Bbeträgt 1,5 mg (für Männer über 51 Jahre 1,8 mg). Amerikanische Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass sehr viele Menschen höhere Mengen an Vitamin B(täglich mindestens 3-5 mg) benötigen, um einen optimalen P5P-Spiegel (> 30 nmol/l) zu erreichen.

  • In Europa wurde durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit eine obere Aufnahmemenge (tolerable upper intake level) von täglich 25 mg Vitamin B6 als sicher bewertet.

  • In den USA (Institute of Medicine) gilt eine Obergrenze von täglich 100 mg als sicher.

  • Für therapeutische Zwecke gelten tägliche Dosierungen zwischen 25 und 200 mg als üblich und sicher. Bei Dosierungen von täglich bis zu 200 mg wurden keine Auffälligkeiten beobachtet (no observed adverse effect level).

  • Die bei Spätdyskinesien erforderlichen Dosierungen liegen bei täglich bis zu 400 mg. Es ist wichtig, dass eine solch hohe Dosierung nur unter ärztlicher Aufsicht stattfinden darf. P5P scheint bei in hohen Dosen sicherer als Pyridoxin zu sein und bietet sich auch deswegen an, da Pyridoxin in der Leber nicht optimal in P5P umgewandelt wird.

Praxis

Die Einnahme von Vitamin B6 sollte zwischen oder zu den Mahlzeiten erfolgen, idealerweise wird die Tagesdosis in mehrere kleine Dosen aufgeteilt. Typische Tagesdosierungen liegen zwischen 50 und 100 mg.

Fazit

Vitamin B6 ist durch seine Wirkung als Coenzym im Stoffwechsel ein sehr wichtiges Element der orthomolekularen Medizin und sollte wesentlich mehr im täglichen ärztlichen oder therapeutischen Alltag beachtet und genutzt werden. Eine diagnostische Abklärung der jeweiligen Vitamin-B6-Versorgung ist empfehlenswert und bei einer geplanten längerfristigen Anwendung als zwingend zu bezeichnen.

Dr. Simon Feldhaus
Facharzt für Allgemeinme­dizin (D), Präsident der Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention (SSAAMP) und Leiter des Zentrums für ärztliche Ganzheitsmedizin, Paramed (Baar)
www.ssaamp.ch

Interessenkonflikte

Der Autor erklärt, dass keine wirtschaftlichen oder persönlichen Verbindungen bestehen.

Die Literaturliste finden Sie hier.

Die Ursachen für unspezifische Rückenschmerzen sind vielfältig. Bewegungsmangel, einseitige Belastung, Übertraing, Übergewicht zählen zu den häufigsten. Lesen Sie in unserem neuen Spezialthema welche Optionen Naturheilkunde und Komplementärmedizin bieten: