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SchlafSchlafstörungen und Ängste mit Naturheilkunde behandeln

Hopfen, Hopfenzapfen
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Der Einsatz von Hopfen (Humulus lupulus) bei Schlafstörungen ist weniger bekannt als der Klassiker Baldrian. Die beste Evidenz liegt zu einer Kombination der beiden Phytotherapeutika vor.

von Sigrun Chrubasik-Hausmann

Schlafstörungen gehen mit körperlichen und mentalen Beschwerden einher. Anhand eines Schlaftagebuchs können Schlafstörungen klassifiziert werden.

Nach ICD-10 liegt eine Insomnie vor, wenn:

  • Ein- oder Durchschlafstörungen und/oder schlechte Schlafqualität mindestens 3-mal pro Woche und mindestens einen Monat lang auftreten,
  • die Schlafstörungen einen deutlichen Leidensdruck verursachen oder
  • sich störend auf die soziale und berufliche Leistungsfähigkeit auswirken.

Zunächst gilt es, organische Ursachen, wie z.B. einen Hirntumor, endokrine Ursachen wie eine Schilddrüsenüberfunktion sowie psychiatrische Ursachen, z.B. ein Nervenleiden, auszuschließen.

Meist liegen den Schlafstörungen schlechte Angewohnheiten zugrunde, wie zu wenig Bewegung, zu viel Alkohol oder Kaffee, zu spätes Essen, ein unregelmäßiges Leben, zu lange Bettzeiten, Tagesschlaf, schlafbehindernde Gedanken, Stress am Arbeitsplatz, private Konflikte, chronische Schmerzen, Ärger oder Wut.

Schlafstörungen können aber auch eine Nebenwirkung von Medikamenten oder ein erstes Anzeichen für eine Depression sein.

Hinweise der Ordnungstherapie 

Liegen den Schlafstörungen keine organischen, endokrinen oder psychiatrischen Ursachen zugrunde, können Verhaltenshinweise der Ordnungstherapie Abhilfe schaffen. Dazu gehören: 

  • Anweisungen im disziplinierten Leben
  • regelmäßige Schlafzeiten
  • kein Mittagsschlaf
  • Schlafzeit kurz bemessen
  • Abendspaziergang
  • abends nur kleine Essensportionen
  • wenig Kaffee, Tee oder Alkohol
  • ausreichend entspannen mit Visualisieren (Waldlichtung, Hängematte am Strand), autogenem Training (formelhafter Vorsatz: „Es geht mir gut“ „Heute ist ein guter Tag“, „Ich lasse nichts an mich heran“, „Ich bin stark“) sowie Feldenkrais-Übungen
  • positive Lebenseinstellung
  • Sport und Bewegung bei hellem Licht und Sonne
  • Aromatherapie mit Zitronen- oder Lavendelöl (z.B. ein heißes Bad mit ätherischem Ölzusatz, Lavendelblütenkissen)
     

Mittel der Phytotherapie

Schlafstörungen können auch mit Phytotherapie behandelt werden. Für Baldrian, Hopfen, Lavendel, Melisse und Passionsblumenkraut liegen deutsche, ESCOP- und EMA-Monografien vor. Als Indikationen für diese Phytotherapeutika sind Angespanntheit, Ruhelosigkeit, Gereiztheit mit Schlafstörungen aufgeführt. Alle besitzen auch eine angstlösende Wirkung.

Baldrianwurzel

Bei leichten Schlafstörungen empfiehlt sich ein Tee aus 2–3 g Baldrianwurzel (Valeriana officinalis), bis zu 3-mal pro Tag. Als Einschlafhilfe sollte eine Tasse Tee eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen getrunken werden, eventuell eine zweite Tasse. Alternativ kann 1- bis 2-mal täglich eine Urtinktur versucht werden.

Baldrian hemmt die Wachheit, unterstützt den Schlaf und kann über einen längeren Zeitraum hinweg eingenommen werden. Wie genau Baldrian wirkt, ist noch nicht geklärt. Der Wirkstoff interagiert mit den GABA-, Benzodiazepin-, Barbiturat- und Adenosinrezeptoren. Auch wenn die Evidenz der Studienlage noch mäßig ist, ist die Wirksamkeit von Baldrian plausibel.

Die Einnahmedauer ist nicht limitiert. Bei Einnahme zentral wirksamer Medikamente sind Wechselwirkungen allerdings nicht ausgeschlossen. Spezifische unerwünschte Ereignisse bei regulärer Dosierung sind nicht bekannt.

Hopfenzapfen

Hopfenzapfen (Humulus lupulus) wirken ähnlich wie das Schlafhormon Melatonin und haben in vitro auch eine östrogenähnliche Wirkung. Die Studienlage zur Wirksamkeit von Hopfenpräparaten ist unzureichend.
Eine Kombination mit anderen zentral wirksamen Pflanzenzubereitungen erscheint sinnvoll. Die beste Evidenz liegt zu einer Kombination aus Baldrian (DEV 5 : 1, 500 mg) und Hopfen (DEV 6 : 1, 120 mg) vor. Das Extraktionsmittel beider Extrakte war Methanol 45 %. Die Veränderungen im EEG und Schlafmuster nach Einnahme eines Präparats mit dieser Kombination entsprachen denen bei Einnahme von Benzodiazepinen. Die Baldrian-Hopfen-Konzentration führte in Studien dazu, dass die Patienten schneller ein- und länger durchschliefen. Sie fühlten sich am nächsten Morgen frischer. Unerwünschte Wirkungen sind bei dieser Kombination selten.

Lavendel

Monografiert sind Blüten und das ätherische Öl des Lavendels (Lavandula angustifolia). Die tägliche Einnahme von 80 mg Lavendelöl wirkt gemäß ESCOP-Monografie angstlösend, antidepressiv, sedierend und spasmolytisch. In explorativen Studien wurde die angstlösende Wirkung einer oralen Lavendelölkapsel gegenüber Placebo demonstriert. Die Wirkung war der von Benzodiazepin (Lorazepam) nicht unterlegen.

Gegenanzeigen: Lavendelöl darf nicht bei Fruktoseintoleranz (enthält Sorbitol), bei Kindern unter 18 Jahren, in der Schwangerschaft und in der Stillzeit eingenommen werden. Interaktionen am GABA-Rezeptor mit Barbituraten oder Benzodiazepinen sind möglich. Bei Überdosierung können Erbrechen, Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen, Benommenheit und evtl. Krampfanfälle auftreten.

Achtung: Milch oder Alkohol, verstärken die Resorption des Lavendelöls. Gelegentlich kommt es unter der Lavendelöltherapie zu Aufstoßen oder Übelkeit.

Melissenblätter

In der traditionellen Medizin wird Melisse (Melissa officinalis) zur mentalen Stressreduktion und zur Linderung gastrointestinaler Störungen (Reizdarmsyndrom) ein Tee aus 1,5–4,5 mg getrockneten pulverisierten Melissenblättern eingesetzt. Der Wirkstoff bindet u.a. an die GABA-Rezeptoren im Gehirn.

Klinische Daten zu Zubereitungen aus Melissenblättern liegen nicht vor. Klinisch geprüft wurde dagegen die Trockenextraktkombination aus Baldrianwurzel (320 mg, Extraktionsmittel Ethanol 62 %) und Melissenblättern (160 mg, Extraktionsmittel Ethanol 30 %). Eine Studie zeigt, dass diese Kombination die Schlafqualität, das Tagesbefinden bzw. die Antriebslage sowie den Gesamteindruck besser beeinflussen können als eine Placebo-Behandlung. Die Evidenz der Wirksamkeit ist insgesamt jedoch nur mäßig.

Passionsblumenkraut

In der traditionellen Medizin findet bei nervösen Störungen ein Tee aus dem getrockneten pulverisierten Kraut der Passionsblume (Passiflora incarnata) Anwendung, aus maximal 8 g pro Tag. Der Wirkstoff wirkt u.a. über die zentralen GABA-Rezeptoren.

Die Wirksamkeit der Teezubereitung wurde mithilfe von Schlaf-Tagebüchern und polysomnografischen Daten verifiziert. Alternativ kann z.B. 425 mg Trockenextrakt aus Passionsblumenkraut (DEV 5-7:1, Ethanol 50 %) eingenommen werden. Das Präparat ist monografiekonform. Zwei Studien weisen auf Wirksamkeit hin. Besser untersucht ist eine Trockenextrakt-Kombination aus Passionsblumenkraut 90 mg (DEV 3–6 : 1, Methanol 50 %), Baldrianwurzel 90 mg (DEV 4–6 : 1, Methanol 45 %), 60 mg Melissenblättern (DEV 2,5–3,9 : 1, Ethanol 20 %) und Pestwurzwurzel 90 mg (DEV 7–14 : 1, Ethanol 90 %).

Rosenwurz

Die in den arktischen Gebieten von Skandinavien, Russland, Tibet und China wachsende Sukkulente Rhodiola rosea wird seit dem Altertum traditionell zur Besserung des Allgemeinbefindens und zur Reduktion von Stresssymptomen eingesetzt.

In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie wurde die Senkung des erhöhten Cortisolspiegels durch einen Spezialextrakt aus der Rosenwurz bei stressbedingter Müdigkeit demonstriert. In Tierversuchen reduzierte dieser Extrakt die durch Angst induzierte Immobilität im selben Ausmaß wie Diazepam.

Heute gibt es 11 Studien guter Qualität mit dem 3 % Rosavin enthaltenden Spezialextrakt aus Rhodiola rosea, die in einem systematischen Review zusammengefasst sind. Die Studien zeigen eine Besserung der körperlichen und geistigen Leistung. Die volle Wirkung trat nach 1–2 Wochen ein. Doch ist die Evidenz der Wirksamkeit umstritten. Das Präparat wird im Allgemeinen gut vertragen. Kontraindikationen umfassen Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder unter 12 Jahren sowie bestehende Leber- und Nierenerkrankungen. 

Prof. Dr. Sigrun Chrubasik
Fachärztin für Allgemeinmedizin mit den Zusatzbezeichnungen Naturheilverfahren, spezielle Schmerztherapie, ärztliches Qualitätsmanagement
Institut für Rechtsmedizin
Universität Freiburg

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