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HeilpflanzenporträtMönchspfeffer: Hilfreich bei Frauenleiden

Mönchspfeffer freigestellt
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Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) ist Arzneipflanze des Jahres 2022 in Deutschland. Er wird insbesondere bei Frauenleiden eingesetzt.

von Tobias Niedenthal und Elke Puchtler

Botanik

Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) oder auch als Keuschlamm bezeichnet, wurde lange zu den Eisenkrautgewächsen (Verbenaceae) gezählt. In jüngerer Zeit wird er jedoch den Lippenblütlern (Lamiaceae) und dort der Unterfamilie Viticoideae zugeordnet. Beheimatet ist der 3 bis 5 m hohe Strauch im Mittelmeerraum und westlichen Asien. Charakteristisch sind die fünf- bis siebenzählig gefingerten Blätter, die ein wenig an Hanf erinnern. Die einzelnen Blättchen werden bis zu 10 cm lang. Die Blütezeit liegt in den Sommermonaten, das Farbspektrum der in Scheinquirlen stehenden Blüten reicht von weiß über blau und rot bis violett. Die rundlichen, dunklen Früchte mit vier Samen erinnern an Pfeffer.

Geschichte

Mönchspfeffer wurde bereits in der griechisch-römischen Antike für Flechtwerk (daher der Gattungsname Vitex) und rituelle Zwecke verwendet. Plinius berichtet im 24. Buch seiner Naturkunde von den Frauen der Athener, die an den Thesmophorien (ein Fest zu Ehren der Göttin Demeter) ihr Lager mit den Blättern bestreuten, um ihre Keuschheit zu wahren (Cap. 59), was sich analog auch im 1. Buch der Arzneimittellehre von Dioskurides findet (Cap. 103 nach neuer Zählung bzw. Cap. 134 nach alter). Die gebräuchlichen Namen waren "agnos" bzw. "agnus" sowie "lygos" und "vitex".

Medizinisches Hauptanwendungsgebiet war schon damals die Frauenheilkunde, z.B. zur Herabsetzung des Geschlechtstriebes, Förderung des Eintritts der Regelblutung und des Milchflusses sowie bei Sterilität und Amenorrhoe. Darüber hinaus wurde sie bei Vergiftungen, Befall durch Parasiten, als Schlafmittel und gegen Blähungen empfohlen.

In der frühen Klostermedizin verblasste die Bedeutung zunächst. Mönchspfeffer findet sich jedoch als Zutat einer Rezeptur für Theriak im „Lorscher Arzneibuch“ (um 800). Eine Wiederentdeckung erfolgte im späten 11. Jahrhundert in Salerno bzw. auf dem Monte Cassino, wo arabische Schriften übertragen wurden, in denen die antiken Indikationen tradiert und behutsam modifiziert worden waren. In Salerno ist erstmals die Bezeichnung "agnus castus" greifbar.

Nach zahlreichen Erwähnungen im Spätmittelalter und den gedruckten Kräuterbüchern der Frühneuzeit schwand die Popularität erneut. Im 20. Jahrhundert setzte langsam eine zweite, durch wissenschaftliche Forschung untermauerte Renaissance ein.

Droge und Inhaltsstoffe

Medizinisch genutzt werden die reifen, getrockneten Steinbeeren (Mönchspfefferfrüchte). Sie sind bräunlich bis schwarz und haben einen Durchmesser von etwa 3 bis 5 mm. Ihr Geruch erinnert an Salbei, der Geschmack hingegen an Pfeffer. Die Droge des Handels stammt vorwiegend aus der Wildsammlung, die Hauptlieferanten sind Albanien und Marokko.

Zu den wirksamkeitsmitbestimmenden Inhaltsstoffen zählen bizyklische Diterpene (Rotundifuran), etwa 1 % Iridoidglykoside (Agnusid, Aucubin), lipophile Flavonoide (mind. 0,08 % Casticin, Penduletin), hydrophile Flavonoide (Orientin, Luteolin-7-glykosid, Isovitexin), Triglyzeride (α-Linolen-, Öl- und Linolsäure), Sesquiterpene (β-Caryophyllen, Germacren B) sowie 0,3 bis 1,8 % ätherisches Öl (Sabinen, 1,8-Cineol, 4-Terpineol, α-Pinen, β-Pinen, Limonen), das sehr unterschiedlich zusammengesetzt sein kann.

Die früher parallel genutzten Blätter haben heute so gut wie keine Bedeutung mehr.

Wirkungen und Indikationen

Allgemein anerkannt (HMPC-Monografie) ist die Anwendung bei Symptomen des prämenstruellen Syndroms (PMS), was u.a. auf eine prolaktinhemmende Wirkung zurückgeführt wird. Dies widerspricht der traditionellen Verwendung zur Förderung der Milchbildung, weshalb in der Stillzeit heute von einer Anwendung abgeraten wird. In klinischen Studien konnten PMS-Symptome wie Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Ärgerlichkeit, Kopfschmerzen und Spannungsgefühl in den Brüsten signifikant reduziert werden. Die Monografien der Kommission E und der ESCOP nennen neben PMS auch Regeltempoanomalien und Mastodynie. Die Anwendungsdauer sollte mindestens drei Zyklen betragen.

Diskutiert werden zudem die bislang nicht ausreichend erforschten Anwendungen bei Kinderwunsch und im Klimakterium. Auch die historische Verwendung als Anaphrodisiakum ist nicht erforscht, vereinzelt werden entsprechende Effekte jedoch von Frauen als unerwünschte Wirkung berichtet. Für Männer gibt es hierzu überhaupt keine Daten.

Fernab der Humanmedizin werden Mönchspfefferfrüchte beim Equinen Cushing-Syndrom (ECS) eingesetzt, einer Hormonstörung des Pferdes. Anwendungen bei weiteren Säugetieren (ausgenommen Katzen) werden in der Veterinärmedizin erprobt und diskutiert, teils analog zu den traditionellen Indikationen beim Menschen (etwa Senkung des Geschlechtstriebes bei männlichen und weiblichen Kaninchen).

Kontraindikationen und unerwünschte Wirkungen

Mögliche Kontraindikationen sind östrogensensible Tumoren und Erkrankungen der Hypophyse. Hier sollte die Einnahme nur nach ärztlichem Rat erfolgen. Bei bestehender Medikation mit Dopaminagonisten und -antagonisten, Östrogenen und Antiöstrogenen sind auf Basis präklinischer Forschung Interaktionen denkbar.

Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen abseits allergischer Reaktionen sind nicht bekannt. Selten kommt es zu juckenden urtikariellen Exanthemen, Kopfschmerzen (wovon schon Dioskurides und Plinius berichten), Übelkeit sowie Magen- und Unterbauchschmerzen.

Präparate

Die Einnahme ist nur in Form von standardisierten Fertigpräparaten sinnvoll, Teezubereitungen sind obsolet. Erhältlich sind vor allem Kapseln mit Trockenextrakt (DEV 7–13:1), ferner Filmtabletten (DEV 7–11:1) sowie Tinktur (DEV 1:5).

  • Agnolyt® Hartkapseln (Madaus)
  • Agnolyt® Tinktur (Madaus)
  • Agnucaston® Filmtabletten (Bionorica)
  • Femicur® N Kapseln (Schaper & Brümmer)
  • Feminon® A, 4 mg Hartkapsel (Cesra)
  • Sarai® Hartkapseln (Aristo)
Literatur

Blaschek W, Hrsg. Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Aufl. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2015: S. 48–51

Dingermann T, Hrsg. Kompendium Phytopharmaka. 7. Aufl. Stuttgart: Deutscher Apotheker Verlag; 2015: S. 74 f.

Grab-Kempf E. Zur Etymologie iberoromanischer Bezeichnungen für Vitex agnus-castus. Zeitschrift für Romanische Philologie 112 (1996) 2. S. 266–276

Hänsel R, Sticher O, Hrsg. Pharmakognosie & Phytopharmazie. 9. Aufl. Heidelberg: Springer; 2010: S. 749–751

HMPC. European Union herbal monograph on Vitex agnus-castus L., fructus. EMA/HMPC/606742/2017

HMPC. Assessment report on Vitex agnus-castus L., fructus. EMA/HMPC/606741/2018

Mayer JG, Czygan FC. Vitex agnus-castus L., der oder das Keuschlamm – Ein kulturhistorischer Essay. Zeitschrift für Phytotherapie 1999; 20 (3): S. 177–182

Schilcher H, Hrsg. Leitfaden Phytotherapie. 5. Aufl. München: Urban & Fischer; 2016: S. 186 f.

Schulz V, Hänsel R. Rationale Phytotherapie. 5. Aufl. Berlin und Heildelberg: Springer; 2004: S. 345–349

Tobias Niedenthal und Dr. Elke Puchtler sind Mitglieder der Forschergruppe Klostermedizin.

www.klostermedizin.de

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