Georg Thieme Verlag KG
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HauterkrankungenDie Haut mag's bitter

Gelber Enzian vor Bergpanorama in den Alpen
K. Oborny/Thieme

Der Gelbe Enzian enthält den Bitterstoff Amarogentin. Dieser kann an Bitterstoffrezeptoren der Haut binden und so den Hautstoffwechsel und ihre Barrierefunktion unterstützen.

von Christoph Schempp

Kurz gefasst

  • Bitterstoffrezeptoren gibt es nicht nur auf der Zunge, sondern vermutlich im gesamten Magen-Darm-Trakt und in allen extraintestinalen Organen.
  • Bitterstoffe aus dem Gelben Enzian und der Weidenrinde binden an Bitterstoffrezeptoren der Haut. Sie beleben den Hautstoffwechsel und stärken die Hautbarriere, zum Beispiel bei Neurodermitis.
  • In der Anthroposophischen Medizin wendet man Bitterstoffe innerlich zur Behandlung von sogenannten Leberdermatosen wie Akne oder Rosazea an.

Inhalt

Bitterstoffe aus pharmazeutischer Sicht

Die Entdeckung der Bitterstoffrezeptoren

Bitterstoffrezeptoren auf der Haut

Stärkung der Hautbarriere

Unterstützung fürs Immunsystem

Anwendung auf der Haut

Innere Anwendungen von Bitterstoffen für die Haut

Ausblick

Über Zunge und Mund: Man dachte lange, dass Bitterstoffe ihre heilsame und gesundheitsfördernde Wirkung ausschließlich auf diese Weise entfalten. Dass man Bittermittel wie das berühmte Schwedenbitter in der Volksheilkunde durchaus auch äußerlich nutzt, hätte stutzig machen sollen.

Erst um die Jahrtausendwende hat man die Bitterstoffrezeptoren entdeckt – und zwar nicht nur auf der Zunge, sondern auch anderorts im Körper. Und jüngst auf der Haut. Für die therapeutische Anwendung von Bitterstoffen bricht somit eine neue Zeit an.

Bitterstoffe aus pharmazeutischer Sicht

Man unterteilt Bitterstoff-Heilpflanzen, sogenannte Amara, nach ihren Inhaltsstoffen oder sensorischen Qualitäten. Heute kennt man ca. 250 Amara. Als eine der bittersten unter ihnen gilt Gentiana lutea, der Gelbe Enzian. Dessen Wurzel enthält unter anderem Amarogentin (0,02–0,04 %). Dieses schmeckt noch bis zu einer Verdünnung von 1:58 000 000 bitter.

Weitere natürliche Bitterstoffe aus Pflanzen sind:

  • die giftigen Cucurbitacine (Bitterstoffe in Gurken- und Kürbisgewächsen wie der Zaunrübe)
  • die Alkaloide der Chinarinde
  • Sesquiterpenlactone wie Cynaropikrin (Hauptbitterstoff der Artischocke) oder Cnicin (ein Bitterstoff des Benediktenkrauts)
  • Simarubalide wie Quassin und andere Bitterstoffe der Quassia amara
  • Verschiedene Iridoide (zum Beispiel Loganin, Gentiopicrosid), die in Bitterkleegewächsen und Enziangewächsen vorkommen.

Bitterstoff-Heilpflanzen und ihre Extrakte regen den Appetit an, steigern die Motilität der Darmperistaltik und fördern die Sekretion. Deshalb eignen sie sich zur Behandlung von Appetitlosigkeit, dyspeptischen Beschwerden beziehungsweise Magen-Darm-Beschwerden sowie Störungen des Gallenflusses. In der Phytotherapie werden den Amara zusätzlich antidepressive und adaptogene Eigenschaften zugeschrieben. Man setzt sie mit Erfolg auch bei Müdigkeit, Erschöpfung, Stress oder allgemein bei somatoformen Störungen ein.

Die Entdeckung der Bitterstoffrezeptoren

Über die Physiologie des Schmeckens war bis Ende des letzten Jahrhunderts kaum etwas bekannt. Man wusste zwar, dass wir mit der Zunge und dem Mund schmecken. Aber erst im Jahr 2000 hat man die Bitterstoffrezeptoren (T2R) auf der Zunge entdeckt. In den folgenden Jahren wurden 25 verschiedene Bitterstoffrezeptoren beim Menschen gefunden. In der renommierten Fachzeitschrift „Nature Medicine“ war zu lesen, dass sich auch welche in den Bronchien befinden. Sie bewirken eine Bronchodilatation, sobald sie aktiviert werden.

Seitdem mehren sich Hinweise, dass es im gesamten Magen-Darm-Trakt und darüber hinaus in nahezu allen anderen extraintestinalen Organen Bitterstoffrezeptoren gibt. Da diese Erkenntnisse sehr neu sind, weiß man noch sehr wenig über ihre Funktion in den verschiedenen Organen. Sie scheinen in jedem Organ eine eigene spezifische regulierende Funktion zu haben.

Bitterstoffrezeptoren auf der Haut

Auch die Haut besitzt Bitterstoffrezeptoren. Im Jahr 2015 hat man sie erstmals in der menschlichen Epidermis nachgewiesen. Untersuchungen des Forschungszentrums Skinitial an der Universitäts-Hautklinik Freiburg haben gezeigt: Pflanzliche Bitterstoffe, zum Beispiel Amarogentin aus dem Gelben Enzian und Salicin aus der Weidenrinde, können an Bitterstoffrezeptoren der Epidermis binden. Dabei lösen sie in den Keratinozyten einen Kalzium-Einstrom in die Zelle aus.

Stärkung der Hautbarriere

Daraufhin produzieren die Keratinozyten in der Epidermis Schutzproteine. Diese Schutzproteine (Filaggrin, Involucrin und verschiedene Keratine) spielen beim Aufbau der Hautbarriere eine wichtige Rolle. Sie bilden zusammen mit bestimmten Lipiden eine Barriere in der äußersten Hornschicht der Epidermis. Diese verhindert, dass Wasser und Schadstoffe in die Haut eindringen oder diese durch Wasserverlust austrocknet. Noch unveröffentlichte Untersuchungen derselben Arbeitsgruppe weisen darauf hin, dass Bitterstoffe auch die Synthese von Hautlipiden in den Keratinozyten anregen. Diese Hautlipide werden ebenfalls für den Aufbau der Hautbarriere benötigt.

Somit können Bitterstoffe bei der Pflege trockener Haut mit geschädigter Barriere helfen, zum Beispiel bei Kontaktekzem und Neurodermitis. Insgesamt regt die Aktivierung der Bitterstoffrezeptoren den Stoffwechsel und die Regeneration der Epidermis an Bitterstoffe sind somit auch ein Jungbrunnen für die Haut.

Unterstützung fürs Immunsystem

Bitterstoffe wirken auf der Haut jedoch nicht nur direkt auf Keratinozyten, sondern auch immunmodulierend auf das Zusammenspiel von Mastzellen mit Keratinozyten. Zum Beispiel konnte man zeigen, dass Amarogentin die Substanz-P-induzierte Produktion des Entzündungsmediators TNF-α aus humanen Mastzellen hemmt. Außerdem reduziert es in Keratinozyten die TNF-α- und Histamin-induzierte Synthese von IL-8- und MMP-1.

Das Resultat: Weniger Entzündungszellen wandern in die Epidermis ein. Diese Wirkung ist vergleichbar mit der des Antihistaminikums Azelastin und könnte auch bei Neurodermitis zum Tragen kommen.

Anwendung auf der Haut

In der rationalen Phytotherapie war es bisher nicht üblich, Bitterstoffe auf der Haut anzuwenden. Deshalb – und weil man die Bitterstoffrezeptoren auf der Haut erst kürzlich entdeckt hat – steht die Forschung zu ihrer Wirkung auf der Haut noch ganz am Anfang.

Eine klinische Studie der Universitäts-Hautklinik Freiburg zeigte: Bei Patienten mit leichter Neurodermitis besserten Bitterstoffe aus dem Gelben Enzian und der Weidenrinde sowie Süßholzextrakt äußerlich angewandt bereits nach einer Woche die Symptome um ca. 50 %. Nach 2 Wochen war der Zustand der Haut um ca. 70 % gebessert.

Eine entsprechende Pflegeserie mit den Extrakten von Enzianwurzel, Weidenrinde und Süßholz ist bereits auf den Markt. Sie eignet sich zur täglichen Pflege bei juckender und geröteter Haut, insbesondere auch zur Pflege bei Neurodermitis.

Innere Anwendungen von Bitterstoffen für die Haut

Innerlich angewandt spielen Bitterstoffe in der Anthroposophischen Medizin eine große Rolle, unter anderem bei der Therapie von Hauterkrankungen. Der Hautarzt Lüder Jachens beschreibt die Behandlung einer ganzen Reihe sogenannter „Leberdermatosen“, allen voran Akne (DHZ 4/2015) und Rosazea. Diesem Konzept liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Leber als zentrales Organ des Verdauungssystems auch die Stoffwechselfunktionen in der Haut beeinflusst. Bei Akne und Rosazea sind die Stoffwechselvorgänge mit der überschießenden Talgproduktion und Entzündung zu sehr in der Peripherie, also der Haut, tätig.

Ziel der Behandlung ist es, die Verdauung anzuregen, speziell die Lebertätigkeit. Dies lenkt die Aktivität des Stoffwechsels wieder in den Gastrointestinaltrakt und entlastet die Haut. Talgproduktion und Entzündungen können dort zurückgehen.

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Die Entdeckung von Bitterstoffrezeptoren in fast allen Organsystemen hat zu einer rasanten Entwicklung der Forschung auf diesem Gebiet geführt. Dies wird die Therapie mit Bitterstoffen allgemein aufwerten. Bitterstoffe scheinen nicht nur im Magen-Darm-Trakt zu wirken, sondern im gesamten Organismus. An der Haut hat man bis jetzt stoffwechselanregende, immunmodulierende und regenerationsfördernde Wirkungen nachgewiesen. Es ist vorstellbar, dass Bitterstoffe ausgleichend und harmonisierend auf die Haut wirken. Allerdings ist noch viel Forschung notwendig, um diese Wirkungen genau zu verstehen.

Prof. Dr. med. Dipl. Biol. Christoph M. Schempp
Forschungszentrum Skinitial, Klinik für Dermatologie und Venerologie
Universitätsklinikum Freiburg
christoph.schempp@uniklinik-freiburg.de

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