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Geist und SeeleTief durchatmen: Die Psychosomatik der Atmung

Frau mit Bild von Lunge
LIGHTFIELD STUDIOS/stock.adobe.com. Posed by a model.

Die Atmung hängt eng mit der psychischen Verfassung zusammen.

von Reinhold Saldow

Kurz gefasst

  • Psychosomatische Erkrankungen sind durch psychische Belastungen gekennzeichnet, die körperliche Beschwerden auslösen.
  • Starke Emotionen können zu Anspannungen in den Atemwegen führen. Dadurch kann es zu verschiedenen Beschwerden wie Atemnot bis hin zu Asthmaanfällen kommen.
  • Ist eine Atemwegserkrankung psychisch (mit)bedingt, ist es für eine erfolgreiche Therapie unerlässlich, die Ursache der Belastung zu ermitteln und zu behandeln.

Inhalt

Was kann die Atmung stören?

Wie Psyche und Körper zusammenhängen

Wie Psyche und Atmung zusammenhängen

Hyperventilation

Psychogener Husten

Asthma bronchiale

Ein Fall aus der Praxis

Fazit

Schon Sokrates sagte, dass wenn der Leib leide, die Seele mitbehandelt werden müsse. Auch heute weiß man: Körper und Psyche stehen in ständiger Kommunikation miteinander. Seelische Konflikte, Ängste und traumatische Erlebnisse wirken auf den Körper und können körperliche Erkrankungen verursachen, aufrechterhalten oder verstärken – man spricht von Psychosomatik. Verschiedenen Studien zufolge sind ca. 75–80 % aller Erkrankungen psychosomatisch. Dabei kann jedes Organ und Stoffwechselgeschehen betroffen sein. Die körperliche Erkrankung beziehungsweise die Symptome sind häufig symbolisch für den Ursprung des Konfliktes. So kommt es beispielsweise in der Praxis bei Burnoutpatienten häufig vor, dass sie vor der akuten Phase einen Hörsturz beziehungsweise Tinnitus erleiden – es klingeln ihnen wortwörtlich die Ohren. Auch die Atemwege sind häufig betroffen. Schon im Volksmund gibt es Redewendungen, die diese Zusammenhänge andeuten, wie: „Es nimmt mir den Atem“ oder „Es schnürt sich mir die Kehle zu“.

Was kann die Atmung stören?

Für eine freie Atmung ist unerlässlich, dass beteiligte Muskeln wie das Zwerchfell und die Zwischenrippenmuskeln ihre Aufgabe ungehindert erfüllen können. Jede Verkrampfung stört diesen Prozess. So auch, wenn sich die glatte Muskulatur der Bronchien und Bronchiolen verkrampft. Außerdem können die Schleimhäute im unteren Atemtrakt anschwellen und die Atmung negativ beeinflussen.

Die neuronale Versorgung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Atmung. Sie gliedert sich in einen efferenten (vom ZNS hinaustragenden) sympathischen und parasympathischen Anteil sowie einen afferenten (dem ZNS zuführenden) sensiblen Anteil. Hier wirken zahlreiche Botenstoffe in der neuronalen Kommunikation bis hin zu immunologischen Prozessen und bewirken Verkrampfungen oder Dilatationen der glatten Muskulatur um der feinen Verästelungen der Atemwege. Diese Botenstoffe beeinflussen auch das An- und Abschwellen der Schleimhäute. Davon ist abhängig, wieviel Atemluft in den Lungenbläschen ankommt beziehungsweise ausgeatmet werden kann.

Wie Psyche und Körper zusammenhängen

Körper und Seele eines Menschen bilden eine Einheit. So wird jede emotionale Bewegung, jede affektive Schwingung von einer körperlichen Reaktion begleitet – sozusagen ein psychosomatisches Simultangeschehen. Gefühle und Gedanken, die wir erleben, bewirken elektrochemische Reaktionen in unserem Gehirn und haben eine unmittelbare Wirkung auf unser hormonelles System und die inneren Organe. Das beeinflusst auch direkt die An- und Entspannung der Muskeln – insbesondere die der glatten Muskelfasern. Vor allem Gefühle, die man nicht direkt hinreichend auslebt, sind wie Energie, die im Körper verbleibt und sich einen anderen Weg sucht. Findet keine unmittelbare Reaktion – beispielsweise bei unterdrückten Aggressionen – statt, verbleibt die Spannung im Körper.

Wie Psyche und Atmung zusammenhängen

Vor allem die Atmung und unsere Psyche hängen eng zusammen: Bei Disstress, also negativem Stress wie Angst, weiten sich die Atemwege aufgrund der sympathischen Intervention. So soll mehr Sauerstoff in die Zellen gelangen. Bei einem Schock oder einem tiefen Schreck hingegen verkrampfen die Bronchiolen so stark, dass die Atmung erheblich beeinträchtigt ist. Der Hals ist wie zugeschnürt, der Brustkorb fühlt sich zusammengepresst an und die Atemzüge sind sehr erschwert. Man fühlt sich, als würde man ersticken. Das wiederum verstärkt die Angst und kann bis zu Panikattacken oder asthmatischen Anfällen führen. Schon kleine Verspannungen können so das Volumen der Atmung beeinflussen und entsprechende körperliche und psychische Folgewirkungen hervorrufen. Zudem ist für die Ein- und Ausatmung ein ausgeglichenes Verhältnis von Sympathikus und Parasympathikus wichtig: Je größer der (sympathikotone) Stress, desto weniger kann ausreichend entspannt und somit abgeatmet werden. Das kann wiederum Angstgefühle und im extremen Fall Hyperventilation und Asthma verursachen.

Man unterteilt Atemwegserkrankungen in funktionelle Störungen wie Hyperventilation oder psychogenen Husten und organisch fundierte Erkrankungen wie Asthma bronchiale und chronische Bronchitis.

Bei Personen mit Atemwegserkrankungen geht es erfahrungsgemäß oft um das Gefühl von Kontrollverlust und Angst. Das heißt: Die Betroffenen erleben sich in gewissen Bereichen ihres Lebens als hilflos und ohne Kontrolle auf die belastende Situation. Besonders häufig sind Abhängigkeits-Unabhängigkeits- und Nähe-Distanz-Konflikte. Dabei geht es um kindliche Erfahrungen, die Betroffene oft in spätere Beziehungen übertragen. Ein typisches Beispiel wäre eine nicht gelöste Beziehung zur Mutter.

Unterdrückte Gefühle äußern sich durch innere An- und Verspannung der Atemwege mit entsprechenden Folgereaktionen zum Beispiel durch verkrampfte Bronchiolen. Am stärksten wirken unterdrückte Aggressionen, unterdrückte und nicht gelebte Trauer und unbewusste Ängste auf die Atemwege.

Anfänge der Psychosomatik

Bereits 1950 wurden von Franz Alexander die klassischen psychosomatischen Krankheiten unter dem Begriff „Holy seven“ (die heiligen Sieben) definiert. Unter anderem war hierbei der Verdauungstrakt besonders mit Magen- und Darmgeschwüren und das Atemsystem mit Asthma bronchiale vertreten. Inzwischen wurde das Spektrum der Psychosomatik erheblich erweitert.

Hyperventilation

Bei der Hyperventilation ist der gesamte Atemtrakt gesund – es gibt keine organische Ursache für die veränderte Atemfrequenz. Durch psychische Belastung und dadurch verursachte starke Gefühle kommt es zu einer beschleunigten und vertieften Atmung. Der Körper schüttet verstärkt Adrenalin aus, das anregend auf die Atmung wirkt. Die CO2-Konzentration im Blut sinkt. Es kommt zu einer respiratorischen Alkalose, wodurch sich der Elektrolythaushalt verändert. Durch den entstehenden Kalziummangel im Blut wird die Muskulatur damit unterversorgt und krampft. Das Gehirn ist weniger durchblutet, was das Gefühl zu ersticken fördert. Meist tritt ein Kribbeln und Zittern in den Fingern, Füßen und um den Mund herum auf; die Hände und Füße werden kalt und ein Gefühl kommt auf, als schnüre sich die Kehle zu. Anschließend verkrampfen sich die Hände und der Mund, es kommt zu Sehstörungen und Druck oder Schmerz in der Herzgegend. Ein Hyperventilationsanfall kann traumatisch sein. Die Angst vor einem weiteren Anfall kann wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass dieser auftritt.

Psychogener Husten

Oft entsteht dieser Husten nach einer Bronchitis, obwohl in den Atemwegen keine dauerhaften krankhaften Veränderungen zu finden sind. Bei Betroffenen kommt es bei passender psychischer Konstellation zu einem Konflikt mit emotionaler Spannung, und der Körper reagiert mit Hüsteln und Husten. Vor allem ängstliche und selbstbeobachtende Menschen neigen hierzu. Oft kann man beobachten, dass die Hustenanfälle beim Schlafen nicht auftreten.

Asthma bronchiale

Asthma gehört laut F. Alexander zu einer der „Holy Seven“ der Psychosomatik. Man definierte es in der psychosomatischen Medizin also schon früh als typische Erkrankung.

Bei Patienten mit Asthma hängen belastende Gefühle und Spasmen der Bronchien bekanntermaßen und nachweislich zusammen. Ebenso zeigten Untersuchungen das Zusammenspiel von Angst und Anfallshäufigkeit.

 

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Fazit

Da psychosomatische Atemwegserkrankungen von der Psyche hervorgerufen werden, ist die Therapie in erster Linie durch eine psychotherapeutische Behandlung erfolgversprechend. Wenn man die zugrundeliegenden Faktoren der Störung findet, ist die Behandlung jeder Atemwegserkrankung – die auf der Psyche beruht – möglich. Dabei sind Beschwerden, die durch traumatische Erfahrungen verursacht wurden, in der Regel vergleichsweise rasch zu lösen. Im Gegensatz dazu erfordern Krankheiten, die charakterneurotische Ursachen haben und die zur Lösung eine Nachreifung der Persönlichkeit erfordern, meist eine längere Therapie.

Besonders effektiv sind im psychosomatischen Bereich tranceorientierte Verfahren wie die Hypnose, da man in diesem Zustand gut zur Störungsursache gelangen kann.

Reihold Saldow ist Gründungsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Hypnose (IGTH), stellvertretender Vorsitzender des DVH (Deutscher Verband für Hypnose) und Beauftragter des BDH für Qualitätssicherung in der Arbeitsgruppe Hypnose und Hypnotherapie. Er hat die kreative Heilhypnose als integrative strukturierte Hypnotherapie entwickelt, ist Dozent für Psycho- und Hypnotherapie und leitet ein Ausbildungszentrum für Hypnose. In seiner Praxis in Haltern am See arbeitet er als Heilpraktiker mit Schwerpunkt Hypnose, Akupunktur und Phytotherapie.

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