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InterviewMehr Selbstwirksamkeit und Selbstachtsamkeit: Klettern in der Therapie

Mädchen klettert in der Kletterhalle
altanaka/stock.adobe.com; posed by a model

Beim therapeutischen Klettern begibt man sich in eine abgesicherte Risikosituation. Hinzu kommt das soziale Miteinander und das Vertrauen in den Seilpartner.

Die therapeutische Arbeit in der abgesicherten Risikosituation bringt Selbstvertrauen, positive soziale Interaktion und Vertrauen in den Seilpartner. Ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Dr. Thomas Lukowski.

Sport und Bewegung sind inzwischen unbestritten wichtige Therapiebestandteile bei psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Ist das therapeutische Klettern einfach nur eine von vielen möglichen Sportarten oder ist es gerade bei psychischen Erkrankungen sehr geeignet?

Ganz grundsätzlich ist es eine von vielen sporttherapeutischen Möglichkeiten. Die Datenlage zur Wirksamkeit der Bewegungstherapie hat sich in den letzten 15 Jahren rapide verbessert. Für mich hat das Klettern aber noch ein paar sehr spezielle Komponenten: Ich kann mit dem Patienten in einer abgesicherten Risikosituation arbeiten, mit ihm in angst- und spannungsbesetzte Grenzbereiche hineingehen. Dazu kommt der positive Aspekt der Interaktion, das soziale Miteinander, das Vertrauen in den Seilpartner. Das habe ich bei anderen Sportarten nicht.

Sie haben eine kleine Untersuchung zu den möglichen Effekten des Kletterns durchgeführt. Welche besonderen therapeutischen Effekte kann man bei den Patienten erzielen?

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Untersuchungen dazu. Darin wurden direkt im Anschluss an die therapeutischen Klettereinheiten und in einem Nachbeobachtungszeitraum psychologische Fragebogentests durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen durchweg eine Tendenz in die gleiche Richtung: Besonders die Selbstwirksamkeit und die Selbstachtsamkeit werden gestärkt. Die Patienten haben mehr Selbstvertrauen, mehr Selbstbewusstsein, sie haben wieder größeres Vertrauen in ihre Mitmenschen, in die Gruppe, meist wird ja in Therapiegruppen in Kliniken geklettert. Insbesondere für Menschen, die an einer somatisierten Depression, also einer leibnahen Depression, erkrankt sind, ist die Klettertherapie der Türöffner durch eine Linderung der „körperlichen“ Beschwerden über psychologische Verursachungen ins Gespräch zu kommen.

Worauf konkret lassen sich die Effekte zurückführen?

Beim Klettern schüttet der Körper einen wahren Hormoncocktail aus. Eine gute Mischung aus Neurohormonen, die gegen Depression, Angst- und Schmerzzustände wirksam sind sowie angenehme, zufriedene Gefühle auslösen können. Die wichtigsten sind z. B. Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, aber auch Substanzen wie Endorphine und Endocannabinoide.

Auf psychologischer Ebene bietet das Klettern eine abgesicherte und therapeutisch nutzbare Konfrontation mit der Ur-Angst zu fallen. Außerdem werden unsere psychologischen Werkzeuge zur Bewältigung alltäglicher, aber auch ungewöhnlicher Herausforderungen, die exekutiven Funktionen hervorragend trainiert.

Sie sind selbst Kletter-Trainer. Wie kann man sich das therapeutische Setting vorstellen? Führen Sie die Klettereinheiten selbst durch?

Es gibt 2 Möglichkeiten: das ambulante und das stationäre Setting. Inzwischen bietet eine ganze Reihe von Kliniken bundesweit das therapeutische Klettern im Rahmen der Sport- und Bewegungstherapie an, nicht nur bei psychischen Erkrankungen. Die Charité in Berlin beispielsweise im stationären Setting für Alterspatienten oder die Ameosklinik Simbach am Inn hat es als „Klettern für die Seele“ im Angebot, auch als Eltern-Kind-Gruppen. An der TU München gibt es ein Angebot für MS-Patienten.

Viele Therapeuten praktizieren es wie ich im Einzelsetting. D.h. ich spreche mit den Patienten, bei denen ich den Eindruck habe, es könnte ein gutes Medium sein, ob sie motiviert sind, in die Kletterhalle zu gehen. Dort arbeiten wir dann therapeutisch in der 1:1-Situation. Ich bin ausgebildeter Klettertrainer, das muss man aber nicht sein. Was man unbedingt mitbringen sollte ist sicherungstechnisches Knowhow, um den Patienten auch astrein sichern zu können. Dafür reichen Ausbildungsnachweise vom deutschen oder österreichischen Alpenverein aus. Man muss kein Spitzenkletterer sein, um mit Patienten an der Kletterwand zu arbeiten.

Dr. med. Thomas Lukowski ist niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (VT/TP), Suchtmedizin sowie Berg- und Höhenmedizin. Er setzt in seiner Praxis u.a. das therapeutische Klettern ein. Er ist Autor des Buches: Klettern in der Therapie (München: Reinhard; 2017).

www.dr-lukowski.de

 

Kommen auch Patienten gezielt zu Ihnen, weil sie eine Klettertherapie machen möchten?

Ja, durchaus. Manche Patienten kommen zu mir, weil ich diesen bewegungstherapeutischen Ansatz verfolge, bei anderen Patienten, bei denen ich den Eindruck habe, es könnte ein gutes Angebot sein, bringe ich es ins Gespräch. Die Kliniken stellen fest, dass das Kletterangebot ein positives Alleinstellungsmerkmal ist, das aus der vielfältigen Landschaft der Behandlungsangebote psychosomatischer Kliniken positiv heraussticht und dezidiert nachgefragt wird.

Können Sie unter den psychischen Störungen Krankheitsbilder ausmachen, bei denen das Klettern besonders erfolgreich sein kann?

Prinzipiell ist die Klettertherapie ein Medium, mit dem ich begleitend bei nahezu jeder psychischen Störung einsteigen kann. Prädestiniert ist es natürlich bei den Angsterkrankungen wie Angst- oder Panikstörungen – man kann im abgesicherten Modus an seine Grenzbereiche gehen und lernen, die Angst und Panik zu regulieren; aber auch bei depressiven Patienten, die an der Wand quasi gegen die Depression anklettern.

Bei Alterspatienten kann das Klettern eine gute Option sein, um die Beweglichkeit zu verbessern und auf diese Weise wieder Freude am Leben zu finden.

Das Klettern ist aber insgesamt, wenn ein Mensch dazu motiviert ist, ein sehr breitbandiges therapeutisches Tool. Ein Kollege von mir klettert schon sehr lange mit mehrfachbehinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Er sagt darüber, allein der Schritt in die Kletterhalle und an die Wand bedeuten Inklusion und Salutogenese per se.

Therapeutisches Klettern ist prädestiniert bei Angsterkrankungen wie Angst- und Panikstörungen. Man kann im abgesicherten Modus an seine Grenzbereiche gehen und lernen, die Angst und Panik zu regulieren.

Müssen die Patienten auch körperliche Voraussetzungen mitbringen, sollten sie beispielsweise sehr sportlich sein?

Das höre ich oft, es ist aber keine zwingende Voraussetzung. Das Schöne an der Kletterhalle ist ja, dass es auch einfache Routen gibt mit sehr großen Tritten und Griffen, die fast wie eine Leiter oder Treppe sind. Da können z.B. auch sehr kleine oder übergewichtige Menschen klettern. Und je nach der Motivation und den körperlichen Gegebenheiten hat man die Möglichkeit, sich zu steigern. An der TU München gibt es schon lange eine Klettergruppe für MS-Kranke, sie steigen praktisch aus dem Rollstuhl heraus in die Wand ein. Mir fällt eigentlich kein körperliches Handicap ein, das dagegen spricht.

Wie etabliert ist das Klettern als Therapie inzwischen?

Es hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt. Vor ca. 15 Jahren war es noch eine Orchidee in der therapeutischen Landschaft. Inzwischen gibt es dazu auch Bücher, z.B. hat Alexis Konstantin Zajetz bereits 2014 ein Buch zu den theoretischen Wirkmechanismen herausgebracht, ich habe 2017 eines zum Einsatz in der psychotherapeutischen Praxis geschrieben. Es hat Schwung aufgenommen und das Interesse der Patienten ist da. Ich schätze, es gibt etwa 25–30 Kliniken in Deutschland, die das therapeutische Klettern anbieten. Auch im ambulanten Bereich nimmt es immer mehr zu, z.B. auch in der Suchtkrankenhilfe.

Was denken Sie, warum wird das therapeutische Klettern so gut angenommen?

Klettern boomt. D.h. viele Menschen haben diese faszinierende Sportart für sich entdeckt, die in den Hallen quasi 365 Tage im Jahr ausgeführt werden kann. Daher ist die Akzeptanz auch bei erkrankten Menschen für diese Art der Sport- und Bewegungstherapie sicher hoch.

Wer trägt die Kosten, müssen sie die Patienten selbst tragen oder übernehmen es die Kassen?

Am einfachsten ist es in der Klinik oder bei öffentlichen Trägern, dort ist das Klettern Teil des bewegungstherapeutischen Angebots. Im ambulanten Setting, wie z.B. bei mir, ist es Teil der psychotherapeutischen Sitzung. Ich bin Tiefenpsychologe und Verhaltenstherapeut und in einer verhaltenstherapeutischen Sitzung kann ich mit meinem Patienten U-Bahn oder Aufzug fahren, wenn es der Angstbewältigung dient, ich kann mit ihm aber auch in die Kletterhalle gehen. Man braucht dafür natürlich eine psychotherapeutische Zulassung. Ich habe aber auch Kolleginnen und Kollegen, die ambulant mit Gruppen klettern gehen. Dann trägt jeder einen gewissen Eigenanteil, der aber überschaubar ist.

Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis, welche Erfolge machbar sind?

Ich hätte viele gute Beispiele … Da gehe ich ganz an den Anfang. Mein erster Kletterpatient war ein 11-jähriger Junge, der nach der Grundschule auf das Gymnasium gekommen war und dort viele Probleme hatte: Eine strenge Lehrerin, wenn er etwas gefragt oder zu einem Thema abgefragt wurde, hat er gestottert, wurde nervös und ängstlich. Es stand schon der Verdacht einer nicht erkannten Legasthenie oder einer anderen Diagnose in dieser Richtung im Raum. Aber bei ihm war es einfach eine Frage des Selbstbewusstseins. Nach drei Sitzungen an der Kletterwand hatten wir gemeinsam mit den Eltern ein Resümee-Gespräch. Der Junge saß zwischen seinen Eltern, die über ihn sagten: „Er wird kecker.“ Also nicht naseweiß oder vorlaut, sondern er nimmt einen irgendwie auf die Schippe. Nach zwei Monaten hatte er sich in seinen Problemfächern, überall wo es um Wissen abfragen ging, um eine Note verbessert. Er ist einfach selbstbewusster geworden und das ohne große diagnostische Zuschreibungen wie Legasthenie. Solche Fälle begegnen mir erfreulicherweise immer wieder.

Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

Das Gespräch führte Anke Niklas.

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