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PsychosomatikAyurveda in der Therapie psychosomatischer Erkrankungen

Ayurveda, Brahmi, Bacopa
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Bacopa monnieri wirkt positiv auf Lernen und Gedächtnis und weist experimentell antidepressive Wirkungen auf.

von Ananda Samir Chopra

Inhalt

Psyche und Soma im Ayurveda
Therapie im Ayurveda
Ein Fall aus der Praxis
Literatur

Psyche und Soma im Ayurveda

Nach ayurvedischer Lehrmeinung [3][6] besteht der Mensch, den wir behandeln, aus drei Dimensionen: Neben Körper und Geist unterscheidet man als dritte Dimension des Menschen noch eine unsterbliche Seele (Sanskrit: Ātman). Da die unsterbliche Seele aber ewig und unwandelbar ist, sind in Bezug auf Krankheit und Gesundheit nur Körper und Geist betroffen. Für das Verhältnis dieser beiden gilt nun, dass Körper und Geist stets eng miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. So wirken sich körperliche Erkrankungen immer auch auf den Geist aus und geistige Erkrankungen auf den Körper. Trotzdem werden aber, je nachdem in welchem Anteil des Menschen der Krankheitsprozess beginnt, körperliche und geistige Krankheiten unterschieden. Allerdings sind die Definitionen von körperlicher und geistiger Krankheit durchaus eigentümlich. So zählen im Ayurveda neben Angst und Depressivität etwa auch Zorn und Eifersucht zu den rein geistigen Krankheiten (Sanskrit: mānasa-roga). Erkrankungen wie Schizophrenie und bipolare Störungen betreffen nach ayurvedischer Lehre von Beginn an Geist und Körper. Darüber hinaus wird heutzutage im Anschluss und in Fortführung traditioneller Konzepte eine eigene Kategorie „psychosomatischer“ Erkrankungen (Sanskrit: manodaihika-roga) unterschieden [11][12]. Dazu zählen z. B. besondere Formen von psychosomatisch bedingter Diarrhoe.

Doch bereits in der allgemeinen ayurvedischen Diagnosestellung (vgl. [2]) spielen psychosomatische Aspekte eine Rolle. So steht am Beginn der ayurvedischen Diagnose die Einschätzung der individuellen Konstitution eines Menschen. Dabei geht man davon aus, dass in jedem Menschen grundsätzlich drei verschiedene „Kräfte“, die sog. Doshas, wirksam sind. Diese drei Doshas heißen Vata, Pitta und Kapha und sind von weitreichender Bedeutung für physiologische und pathophysiologische Modelle des Ayurveda. Hier soll nur kurz ihre Bedeutung für die ayurvedische Konstitutionslehre skizziert werden: Die drei Doshas sind bei jedem Menschen vorhanden, aber nach ayurvedischer Anschauung bringt jeder Mensch bereits bei Geburt eine besondere Konstellation dieser drei Doshas mit. Diese individuelle Dosha-Konstitution zeigt sich in körperlichen und geistigen Merkmalen. Auch hier mögen einige Beispiele genügen:

  • Menschen mit einer Vata-dominierten Konstitution leiden ein Leben lang an trockener Haut, Verstopfungsneigung, sie sind emotional oft unausgeglichen und haben eine rasche Auffassungsgabe.
  • Menschen mit einer Pitta-dominierten Konstitution haben eine warme geschmeidige Haut, können nur ungern Mahlzeiten auslassen, verfügen über eine große Durchsetzungskraft und reagieren bei Belastungen zornig.
  • Menschen mit einer Kapha-dominierten Konstitution neigen zu Übergewicht, haben eine weiche geschmeidige Haut, verfügen über ein gutes Langzeitgedächtnis und neigen zu Melancholie.

Bei der Konstitutionsdiagnose ist zu beachten, dass mit Konstitution der gesunde Normalzustand gemeint ist. Die Mehrzahl der Menschen verfügt unter dieser Voraussetzung über eine Mischkonstitution, in der Eigenschaften aller drei Doshas erkennbar sind.

Schon diese kurze Beschreibung macht deutlich, dass die drei Doshas sich sowohl in körperlichen Merkmalen, als auch in psychischen Reaktionsweisen auswirken. Deshalb spricht ein renommierter ayurvedischer Autor in diesem Zusammenhang auch dezidiert von der psychosomatischen Konstitution [13].

Über die Einschätzung der individuellen Grundkonstitution hinaus werden bei der ayurvedischen Diagnosestellung auch der jeweils aktuelle Zustand der Doshas und andere krankheitsrelevante Aspekte beurteilt. Auf dieser Grundlage erfolgt dann die Diagnose der Krankheit und die entsprechende nosologische Klassifikation, welche die Voraussetzung für die Therapie bildet.

Therapie im Ayurveda

Die ayurvedische Therapie ist umfassend und vielfältig.

Ernährung und Lebensführung

Grundsätzlich sind Empfehlungen zu Ernährung und allgemeiner Lebensführung der erste Schritt in der Therapie. Diese Empfehlungen müssen sich sowohl nach der Grundkonstitution als auch nach der jeweiligen Erkrankung richten. Besonders in der Behandlung psychosomatischer Erkrankungen werden zudem unter der Bezeichnung Sattvavajaya („Beherrschung des Geistes“) Empfehlungen zur Geistes- und Gedankenschulung im Sinne eines psychoedukativen Vorgehens beschrieben.

Pflanzenheilkunde

Ein weiterer wichtiger Pfeiler der ayurvedischen Therapie ist die Pflanzenheilkunde (vgl. [3][9][14]). In der ayurvedischen Pharmakopöe [9] wird eine eigene Klasse von Arzneipflanzen unterschieden, die als „geistesstärkend“ (Sanskrit: medhya) gelten. Zu dieser Gruppe gehören Heilpflanzen, die auch in der Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen nützlich sind, wie etwa das sog. „kleine Fettblatt“ (Bacopa monnieri, Sanskrit: Brahmi). Diese Pflanze, deren ausgepresster Saft typischerweise verwendet wird, wirkt nicht nur positiv auf Lernen und Gedächtnis, sondern weist experimentell auch antidepressive Wirkungen auf [15]. Aus ayurvedischer Perspektive ist diese Pflanze besonders bei Menschen mit starkem Vata oder Kapha günstig einzusetzen. Eine andere Arzneipflanze aus dieser Gruppe ist die Windenart Convolvulus pluricaulis (Sanskrit: Sankhapus pi), die v. a. für Menschen mit viel Vata oder Pitta geeignet ist. Auch diese Pflanze wirkt gut auf das Gedächtnis, hat darüber hinaus im Experiment aber auch angstlösende Wirkungen [8].

In der ayurvedischen Therapie würde man stets auch das konkrete Symptom der psychosomatischen Störung beachten: Dieses wird bei Bedarf ebenfalls spezifisch behandelt, sowohl mit phytotherapeutischen Mitteln, als auch mit intensiveren Therapieverfahren.

Intensive ayurvedische Therapieverfahren

Betrachtet man die ayurvedische Therapie insgesamt, so kann man sich dem Urteil Priyavrat Sharmas, einem bedeutenden Gelehrten des zeitgenössischen Ayurveda, anschließen, dass im Ganzen ein „somatopsychisches“ Verständnis von Therapie überwiegt [10]. Das heißt, man geht davon aus, dass körperliche Therapien die Psyche beeinflussen. Zu den intensiven ayurvedischen Therapieverfahren, die in dieser Art wirken, zählt das sog. Pancakarma [5][7]. Dieses komplexe Behandlungskonzept vereint innerliche Behandlungen, wie etwa einen Abführtag und die Gabe spezifischer Darmeinläufe, mit intensiven äußerlichen Öl- und Wärmeanwendungen. Die Erfahrung mit intensiven Pancakarma-Therapien in Deutschland zeigt, dass diese Behandlungsmethode auch auf psychosomatische Beschwerden besonders stark regulierend wirkt.

Psyche und Soma: Der Ayurveda geht davon aus, dass körperliche Therapien die Psyche beeinflussen.

Im folgenden Log-in-Bereich lesen Sie anhand eines Fallberichts, wie ayurvedische Therapie und stationäre Psychotherapie im Sinne einer integrativen Behandlung psychosomatischer Erkrankungen erfolgreich zusammenwirken können.

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Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass keine wirtschaftlichen oder persönlichen Verbindungen bestehen.

Literatur

[1] Chopra AS, Fischer T. Ayurveda zur Behandlung psychosomatischer Erkrankungen in Deutschland – Erfahrungen aus der Klinik. In: Heise T, Hrsg. Transkulturelle Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie in Deutschland. Berlin: VWB – Verlag; 2000: 401–413

[2] Chopra AS. Diagnose im Āyurveda. In: Ranade S, Hosius C, Heckmann J, Hrsg. Ayurveda Basislehrbuch. München, Jena: Urban & Fischer; 2003: 97–125

[3] Chopra AS. Welches Menschenbild bestimmt das ärztliche Handeln im Āyurveda? In: Girke M, Hoppe JD, Matthiessen PF, Willich SN, Hrsg. Medizin und Menschenbild. Das Verständnis des Menschen in Schul- und Komplementärmedizin. Dargestellt vom Dialogforum Pluralismus in der Medizin. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag; 2006: 99–106

[4] Chopra AS. Einführung in die Āyurveda-Medizin. In: Heinze S, Hrsg. Naturheilkunde und Homöopathie. Eschborn: Govi; 2008: 245–255

[5] Chopra AS. Pañcakarma-Therapie im Āyurveda. Eine gute Therapie für Gesunde und Kranke. Erfahrungsheilkunde 2012; 61 (1): 10–16

[6] Jādavaji Trikamji, ed. THE CHARAKASAṂ HIT  BY AGNIVEŚA. REVISED BY CHARAKA AND DR˙IDHABALA WITH THE ĀYURVEDA-DĪPIK  COMMENTARY OF CHAKRAP NIDATTA: 3 rd ed. Bombay: Nirṣ aya Sāgar Press; 1941

[7] Kasture, Harīdāsa (sic!) Śrīdhara.  yurvedīya Paṃ cakarma-Vijñāna. 4th ed. Nāgapura: Baidyanātha Āyurveda Bhavana; 1993

[8] Malik J, Karan M, Vasisht K. Nootropic, anxiolytic and CNS-depressant studies on different plant sources of shankhpushpi. Pharm Biol 2011; 49 (12): 1234–1242

[9] Sharma PV. Dravyaguṇ a-Vijñāna. 5 Vols. Varanasi: Chaukhambha Bharati Academy. (V. Ayurveda Series 3); 1981–1998

[10] Sharma PV.  yurveda kā vaijñānika itihāsa (Scientific History of Āyurveda). 2nd ed. Varanasi/Delhi: Chaukhambha Orientalia. (Jaikrishnadas Ayurveda Series No. 1); 1981

[11] Singh RH. Ayurvediya Manas Vijnana. (A Treatise on Indian Psychology, Psychiatry & Psychosomatics). Varanasi: Chaukhamba Amarabharati Prakashan. (Chaukhamba Ayurveda Granthamala 12); 1986

[12] Singh RH. Psychosomatic Approach of Indian Medicine. In: Udupa KN, Singh RH, eds. Science and Philosophy of Indian Medicine. Nagpur: Shree Baidyanath Ayurved Bhawan Ltd.; 1990: 68–84

[13] Singh RH. Psychosomatic Constitution of Man. In: Udupa KN, Singh RH, eds. Science and Philosophy of Indian Medicine. Nagpur: Shree Baidyanath Ayurved Bhawan Ltd.; 1990: 85–95

[14] Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Heidelberg: Haug; 1997

[15] Zu X et al. Antidepressant-like effect of bacopaside I in mice exposed to chronic unpredictable mild stress by modulating the hypothalamic-pituitary-adrenal axis function and activating BDNF signaling pathway. Neurochem Res 2017; 42 (11): 3233–3244

Der Artikel ist erschienen in der Erfahrungsheilkunde 2/2019.

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Autor

Dr. med. Ananda Samir Chopra ist leitender Arzt der Ayurveda-Klinik Kassel.