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Wechseljahre"Das Klimakterium ist ein natürlicher Veränderungsprozess"

Gender Symbol für Weiblichkeit aus Blütenblättern
zakalinka/stock.adobe.com

Frausein bedeutet viel mehr als schwanger zu werden und fertil zu sein.

Die Wechseljahre können von Frau zu Frau äußerst unterschiedlich verlaufen. Diese Zeit muss nicht symptomatisch verlaufen. Andererseits wird bei manchen Symptomen zunächst kein Zusammenhang hergestellt. Ein Gespräch über Hormone, Heilpflanzen und gesellschaftliche Sichtweisen mit Dr. Susan Zeun.

Menopause, Klimakterium, Wechseljahre: Welchen Begriff favorisieren Sie?

Ich bevorzuge den Begriff „Klimakterium“, weil wir über einen Änderungsprozess im weiblichen Körper sprechen.

Die Menopause beinhaltet nur die Definition für den Zeitpunkt der letzten Blutung. Die Begriffe, die sich davon ableiten, wie Prä-, Peri- und Postmenopause, stammen aus der klinischen Entwicklung und der Entwicklung von Therapeutika für diesen Bereich. In der Zeit der Perimenopause beginnen Änderungsprozesse. Sie umfasst einen Zeitraum von ca. 3 Jahren, kann aber individuell auch länger andauern, bis ein Jahr nach der letzten Blutung. Dann folgt die sog. Postmenopause, die per definitionem nach einem Jahr Amenorrhoe beginnt. In der Prämenopause sind streng genommen alle Frauen in der reproduktiven Phase.

Also: Ich denke, für Frauen ist das Wichtigste zu verstehen, dass das Klimakterium ein natürlicher Veränderungsprozess ist, der übersetzt mit dem Begriff Wechseljahre einen längeren Zeitraum beanspruchen kann.

Manche Frauen leiden sehr unter Wechseljahressymptomen, andere gar nicht. Gibt es Daten, wie groß die Unterschiede sind?

Leiden ist immer sehr relativ. Das persönliche Erleben ist von Frau zu Frau sehr verschieden. Ein gutes Beispiel sind die Hitzewallungen. Manche Frauen erleben zwei, drei Hitzewallungen innerhalb einer Woche und fühlen sich dadurch überhaupt nicht belastet. Andere Frauen stört das sehr.

Es gibt zahlreiche Daten aus großangelegten Studien: Beispielsweise werden in den SWAN-Studien weltweit sehr genau Beschwerden der Wechseljahre erfasst. Wir sehen, dass es Faktoren gibt, die Wechseljahresbeschwerden begünstigen, z.B. Übergewicht, ungesunde Ernährung, Alkoholkonsum etc. Wir sehen aber auch, dass die Wechseljahressymptome, die als Beschwerden angegeben werden, weltweit nicht gleich sind.

Ein paar Beispiele: Das Leitsymptom der Wechseljahre bei den Japanerinnen ist häufig die steife Schulter. Auch in China geben die Frauen nicht die Hitzewallungen oder vasomotorische Symptome an, sondern sehr oft Schlafstörungen und psychische Unausgeglichenheit.

In Deutschland sehen wir die vasomotorischen Symptome als Hauptsymptom der Wechseljahre. Wir können sagen, dass etwa 70 Prozent der Frauen in ihrem Klimakterium vasomotorische Symptome haben werden. Das heißt aber nicht, dass auch 70 Prozent darunter leiden.

Von Krankheitswert für die vasomotorischen Symptome (zu denen die Hitzewallungen gezählt werden) spricht man, wenn sie etwa 35- bis 50-mal innerhalb von sieben Tagen auftreten. Dabei wird zusätzlich unterschieden, in welcher Stärke sie auftreten. Also ob nur ein Gefühl von Hitze besteht oder ob dieses Gefühl die Frau veranlasst, ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Man spricht dann von einer moderaten vasomotorischen Störung im erstgenannten Fall und von einer schweren im letzteren Fall. Diese führt nicht nur dazu, eine Tätigkeit zu unterbrechen, sondern die Frau fühlt sich in dem Moment krank. Besonders störend sind solche vasomotorischen Symptome, wenn sie den Schlaf stören oder Nachtschweiß hinzukommt. Dann sprechen Kliniker*innen von einem Symptom mit Krankheitswert.

Welche Symptome gehören zu den vasomotorischen Störungen?

Unter vasomotorischen Symptomen werden Störungen der Thermoregulation gefasst: Dazu gehören Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Dysästhesien. Nicht jede Hitzewallung ist mit einem Schweißausbruch verbunden, manchmal ist es nur das Gefühl von Wärme. Häufig werden die Dysästhesien vergessen. Sie können als ein Brennen v.a. in Händen oder Füßen auftreten. Dieses Symptom ist so wenig bekannt als Wechseljahresbeschwerde, dass manche Frauen eher einen Neurologen aufsuchen anstatt der Frauenärztin.

Gibt es noch andere Symptome, bei denen Frauen zunächst gar nicht an die Wechseljahre denken?

Sehr häufig sind das die steife Schulter, Schulterbeschwerden und allgemein Gelenkbeschwerden. Im Gespräch erlebe ich oft, dass die Frauen auf Nachfrage vermehrte Gelenkbeschwerden berichten und manchmal schon zur Abklärung von z.B. Rheumafaktoren waren. Die Frauen selbst, aber manchmal auch Ärzte bringen diese Beschwerden nicht mit den Wechseljahren in Verbindung. Bezüglich der Prognose macht es natürlich einen großen Unterschied, zu wissen, ob die Gelenkbeschwerden ein Bestandteil des Wechsels aus der reproduktiven Phase sind oder tatsächlich ein rheumatologisches Problem, das mich für den Rest des Lebens begleitet.

Ein weiteres wichtiges Symptom, das von den meisten Frauen nicht gern zur Sprache gebracht wird, ist die Scheidentrockenheit. Sie tritt bedingt durch die veränderte hormonelle Situation oft auf. Diese hat Schmerzen beim vaginalen Sexualverkehr zur Folge, der dann oft vermieden wird, aber auch vermehrte Infektionen. Zudem können Blasenbeschwerden auftreten. Wir sprechen dann vom urogenitalen Wechseljahressyndrom.

Gelenkbeschwerden werden häufig nicht mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht.

Welche Symptome sind „Red Flags“. Wann ist Vorsicht geboten?

Ein „Red Flag“ ist dann erreicht, wenn die Frauen nicht nur physisch, sondern auch psychisch sehr stark unter den Wechseljahren leiden. Depressionen oder das Gefühl der Überforderung sind erste Warnzeichen, aber wenn es zu einer klinisch relevanten Depression kommt, ist definitiv ein „Red Flag“ erreicht.

Wie lange dauern Wechseljahressymptome im Schnitt an?

Auch das ist in Studien gut untersucht. Im Durchschnitt werden etwa sechs bis sieben Jahre angegeben. Das heißt aber nicht, dass in der gesamten Zeit Symptome auftreten.

Dr. med. Susan Zeun ist Fachärztin für klinische Pharmakologie. Nach langjähriger Tätigkeit u.a. als klinische Pharmakologin mit dem Schwerpunkt Frauenheilkunde, absolvierte sie die Zusatzweiterbildung im Bereich Phytotherapie. Seit 2020 ist sie in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt Traditionelle Europäische Medizin niedergelassen.

www.susanzeun.com

 

Die Hormonersatztherapie bei klimakterischen Symptomen ist seit Jahren in der Diskussion. Viele Frauen lehnen sie ab. Wann ist es sinnvoll, Hormone einzunehmen?

Mit meinem beruflichen Hintergrund als Pharmakologin möchte ich generell sagen: Hormone sind besser als ihr Ruf. Aber sie müssen sinnvoll eingesetzt werden. Das heißt, so viel wie nötig und so kurz wie möglich. Hat eine Frau den „Red-Flag-Status“ erreicht, ist es sinnvoll und gerechtfertigt, dem Körper für eine bestimmte Zeit mit einer hormonellen Therapie durch die Wechseljahre zu helfen. Das sollte individuell mit der Frau besprochen und entschieden werden.

Die Hormonangst der letzten Jahre bringt leider viele Frauen dazu, eine nutzbringende befristete Behandlung abzulehnen. Zudem stehen mittlerweile moderne Therapeutika zur Verfügung. Für lokale Beschwerden wie die Scheidentrockenheit existieren lokale Therapien.

Wären Phytohormone eine Alternative?

Leider hat vor allen Dingen die Phytotherapie sehr häufig den Ruf einer sanften Medizin. Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, ein synthetisch-chemisches Hormon durch ein hochdosiertes Phytoöstrogen zu ersetzen. In den wirkenden Dosierungen sind die potenziellen Nebenwirkungen ähnlich.

Das bedeutet: Für Phytoöstrogene bestehen dieselben Kontraindikatoren wie für synthetisch-chemische Hormone für Frauen, die diese Substanzen nicht einnehmen dürfen. Das betrifft Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko oder mit einer Brustkrebserkrankung in der Vergangenheit.

Phytotherapeutika haben häufig den Ruf einer sanften Medizin. Allerdings handelt es sich um Arzneimittel mit potenziellen Nebenwirkungen. 

Wann setzen Sie die Phytotherapie ein, eher bei leichteren Wechseljahresbeschwerden?

Ich behandle phytotherapeutisch nicht primär abhängig von der Stärke der Beschwerden, sondern auch vom Wunsch der Frau. Die Einsatzmöglichkeiten der Phytotherapie sind vielfältig, auch wenn wir bei den zugelassenen Fertigarzneimitteln nur drei oder vier Behandlungsoptionen haben. Das Schöne an der Phytotherapie ist, dass sie sehr individuell einsetzbar ist. In der Anamnese können wir klar herausarbeiten, welche Symptome für die Frau am belastendsten sind. Auf dieser Basis können Pflanzen ausgewählt und miteinander kombiniert werden.

Ich kann also nicht sagen, dass eine Frau mit 50 vasomotorischen Ereignissen pro Woche keinen Nutzen von der Phytotherapie hat. Auf der anderen Seite kommt eine Frau mit nur 3 oder 4 vasomotorischen Ereignissen nicht zwangsläufig mit Phytotherapie gut zurecht. Es ist immer eine individuelle Entscheidung.

Und es sollte nicht vergessen werden: Auch bei Phytotherapeutika handelt es sich um Arzneimittel, die Nebenwirkungen haben und mit anderen Medikamenten interagieren können.

Würden Sie von einer Selbstmedikation abraten?

Der Vorteil der Phytotherapie ist, dass sie im Regelfall bei Gesunden eine Wirkung und eine sehr große therapeutische Breite hat. Bis ernsthafte Nebenwirkungen zu erwarten sind, muss eine hohe Dosierung eingenommen werden.

Die meisten Frauen nutzen die Möglichkeit der Selbstmedikation. Dagegen ist aus meiner Sicht nichts einzuwenden, weil Fertigarzneimittel auf Phytobasis dieselben Zulassungsnormen unterlaufen wie chemisch-synthetische Arzneimittel. Man sollte sich aber an die Einnahmeempfehlung halten und wenn man bemerkt, dass die Wirkung nicht so wie erwartet ausfällt, nicht selbstständig die Dosierung erhöhen oder verschiedene Phytoarzneimittel miteinander kombinieren. Das Gleiche gilt für Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine. Die Phytotherapeutika und auch die Nahrungsergänzungsmittel können sich gegenseitig beeinflussen bzw. interagieren. Wenn die Wirkung nicht wie erwünscht eintritt, sollte man eine professionelle Hilfe aufsuchen.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, gut durch die Wechseljahre zu kommen?

Es gibt sehr viele Hinweise darauf, dass sich genügend körperliche Bewegung, eine ausgewogene Ernährung als gesunde Mischkost mit viel Gemüse sehr positiv auswirken. Genussgifte können vasomotorische Symptome fördern, also ist es empfehlenswert Kaffee, Alkohol und Nikotin zu meiden.

Leider gehört es zu den schwierigsten Dingen, von liebgewonnen Angewohnheiten Abstand zu nehmen und nicht allen gelingt es. Aber es sind maßgebliche Faktoren, die neben Phytotherapie und dem therapeutischen Einsatz von Arzneimitteln gut durch diese Lebensphase hindurchhelfen.

Wichtig zu erwähnen ist richtige Pflege des Intimbereichs. Viele der klimakterisch bedingten Vaginalbeschwerden können allein durch gute Pflege des Vaginalbereichs Besserung erfahren. Das bedeutet: Einmal täglich säubern und anschließend mit einem Pflegeprodukt für den Intimbereich pflegen, beispielsweise mit einem Pflegeprodukt mit ätherischen Ölen.

Die Wechseljahre werden oft auf das Ende der Reproduktionsfähigkeit reduziert und welche störenden Symptome damit verbunden sind. Bietet das Klimakterium auch Schönes?

Ich denke, ein Großteil der Probleme, die wir vor allen Dingen in unserer westlichen Gesellschaft mit den Wechseljahren haben, ist gesellschaftlich bedingt. Sehr häufig beschrieben mit dem Begriff „alt“ – ältere Frau in der Mitte des Lebens, nicht mehr fertil.

Aus meiner Sicht betrifft diese Phase wesentlich mehr als nur den natürlichen Prozess, nämlich das Selbstverständnis als Frau. Der Begriff „Menopause“ reduziert das Frausein stark auf die biologische Fähigkeit, schwanger zu werden und fertil zu sein. Wir sollten uns vor Augen führen, dass es wirklich nur das ist und die Definition einer Weiblichkeit viel umfassender. Es gab und gibt Kulturen, in denen Frauen nach der reproduktive Phase einen ganz anderen sozialen Stand errungen haben.

Historisch haben wir das Bild „der weisen Frau“, die nicht mehr am Reproduktionsprozess teilnimmt und ihre Energien, die sie für Schwangerschaft und Kinderziehung aufgewendet hat, nun anderweitig nutzen kann. Und wenn die monatliche Blutung und die damit verbundenen Beschwerden nicht mehr stattfinden, können Frauen jetzt vielleicht manche Dinge freudvoller tun und feststellen, dass die Wechseljahre primär nichts mit „Altsein“ zu tun haben, sondern man lediglich den reproduktiven Zyklus des Lebens verlassen hat.

Das Gespräch führte Anke Niklas.

Hitzewallungen, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen: Etwa ein Drittel der Frauen ist durch Wechseljahressymptome im Alltag stark beeinträchtigt. Welche Optionen die Naturheilkunde und Komplementärmedizin bieten, lesen Sie in unserem neuen Spezialthema: