Georg Thieme Verlag KG
Natürlich Medizin!

Interview"Die Haut mag es sauer und nicht übermäßig hygienisch"

Die Hautärztin Dr. Yael Adler
Merlin Nadj-Torma

Dr. med. Yael Adler.

Wasser ist für die Hygiene meist völlig ausreichend. Nicht selten verschwinden Hautsymptome wie Ekzeme allein dadurch. Ein Gespräch mit der Hautärztin Yael Adler

Sie sind Hautärztin. Was fasziniert Sie an diesem Organ?

Nach dem Medizinstudium sucht man sich das Fachgebiet aus, das am besten zu einem selbst passt. Und zu mir passt die Haut. Ich empfinde die Haut und den Menschen als eine Art Kunstwerk. Ich sehe mir die Haut an, lese Muster, schaue mir die Farben an. Dann gehe ich analytischer in die Tiefe und überlege, was die Ursache für dieses Muster ist. Es ist ein sehr sinnliches Fachgebiet. Man schaut, fühlt, riecht. Man nimmt den Menschen ganzheitlich wahr.

Für mich ist die Haut wie eine Leinwand, auf der sich alles Mögliche spiegelt – die Seele, der psychische Zustand, die Organgesundheit, die Ernährung, die Darmflora. Es ist ein Netzwerkorgan nach innen und außen. Das finde ich an der Haut eben sehr passend zu mir.

Eitrige Geschwüre, Gerüche, Pilzinfektionen – in Ihren Büchern sprechen Sie die Dinge offen an. Gibt es in unserer aufgeklärten Gesellschaft überhaupt noch Tabus?

Ja, und es ist ein Kontrast. Alle haben Zugang zum Internet, sehen sich Pornografie an und glauben, alles verstanden zu haben und über alles reden zu können. Aber in der Praxis sehen wir, dass die Menschen viele Probleme mit sich haben, sie mit sich und ihrem Körper fremdeln. Viele wissen nicht mehr, was ein natürlicher Körper ist. Sie glauben den Medien und der Industrie, wie ein vermeintlich gesunder Körper aussehen und was man dafür tun muss.

Und trotz aller Zugänglichkeit zu Sexualität im Internet haben viele ein Problem mit ihrem Intimbereich. Untenrum ist für Männer wie Frauen und für jedes Alter schambesetzt. Das ist auch in Ordnung, aber als Ärzte für Haut- und Geschlechtskrankheiten müssen wir natürlich trotzdem darüber sprechen und uns das ansehen.

Dann gibt es geschlechtsorientierte Themen. Bei den Frauen ist Haarausfall ein ganz großes Tabu und Stigma. Die Haare sind ein Sinnbild für Weiblichkeit, Vitalität, Fruchtbarkeit. Jeder kann plötzlich sehen, wenn sie ausfallen.

Frauen haben außerdem ein Problem mit allem, was stinkt. Sie bekommen beigebracht, dass sie immer sauber, reinlich und elfenhaft sein müssen. Stuhlgang, Blähungen und alles, was riecht, gehören nicht dazu.

Welche Tabuthemen haben die Männer?

Bei Männern ist die Erektionsstörung ein großes Tabuthema. Bis zum Alter von 40 Jahren ist sie oft psychisch oder stressbedingt. Der Sympathikus, der Stressnerv, springt an und die Schwellkörper können nicht volllaufen. Die Männer brauchen dann den Parasympathikus, den Entspannungsnerv, sodass die Schwellkörper volllaufen können, hier ist auch die Frau gefragt. Ab einem Alter von 40 werden aber auch andere Ursachen wahrscheinlich, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Nervenprobleme. Man sagt ja auch, die Erektion ist die Wünschelrute des Herzens, ihr Ausbleiben kann ein Vorbote für Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Man muss dann schon genauer hinschauen und dieses Tabuthema kommunizieren.

Das zweite große Tabuthema ist das Schnarchen. Evolutionär gesehen sind Männer immer auf der Jagd und müssen über alles die Kontrolle haben. Im Schlaf verlieren sie die Kontrolle und schnarchen dann auf diese uncharmante Weise (lacht). Dass ihnen das sehr peinlich ist, habe ich entdeckt, als ich für mediale Arbeiten Menschen gesucht habe, die bereit sind, über ihr Problem zu reden. Ich habe bisher für alle möglichen Themen von Fußpilz über Blähungen bis hin zu Hämorrhoiden Menschen finden können, aber nicht für das Schnarchen.

Wie ist es bei Ihnen in der Praxis, wenn die Patienten zu Ihnen kommen, z. B. mit einem Furunkel am Po? Fällt es den Patienten schwer darüber zu sprechen?

Ja, absolut. Wenn sie etwas am Po haben, wie eine Analvenenthrombose, wenn etwas nässt oder sie Ausfluss haben, das ist fast allen Menschen unangenehm. Dann muss man versuchen, für Entspannung zu sorgen, zu sagen: Sie sind damit nicht allein, das ist alles menschlich. Und gut, dass wir uns das jetzt ansehen, dann können wir es beheben. Den Patienten Hoffnung zu machen ist auch immer hilfreich oder die Sache mit ein bisschen Humor zu nehmen – bei Dingen, die zu Alltagstabus gehören. Wird zu viel gewaschen untenrum oder juckt es wegen Hämorrhoiden, das kann man sehr gut behandeln. Und ein bisschen Leichtigkeit entspannt die Menschen sehr. Es gibt aber auch Themen, bei denen Humor keinen Platz hat: z.B. bei einer Frau mit schwerem Haarausfall oder bei Inkontinenz.

Ein anderes Beispiel ist die Hautkrebsvorsorge, da sehen wir uns die Patienten entkleidet an. Schon das allein ist schambesetzt. Ich versuche dann, sie sozusagen etagenweise zu inspizieren, erstmal den Kopf, dann den Oberkörper usw., sodass sie nie komplett nackt sind.

Haben Sie für sich Gesprächstechniken entwickelt?

In meiner Generation gehörte die Kommunikation mit Patienten im Medizinstudium leider nicht zum Lehrstoff. Das ist natürlich bei ernsten Problemen eine Herausforderung. Ich bin selbst ein Hypochonder, habe Angst vor Krankheiten, vor dem Tod wie viele andere Menschen. Auch deshalb habe ich Medizin studiert, weil ich dachte, dann werde ich Dinge wissen, die helfen, das Schicksal auszutricksen. Ich habe dann aber festgestellt, dass es Krankheiten gibt, von denen ich vorher nicht geahnt hatte, dass es sie gibt, die einen Hypochonder ganz schön nervös machen können. Vieles, was ich nicht wusste und was ich gern weitergebe. Aber ich glaube, ich habe so auch eine gewisse Empathie für die Ängste und Sorgen und verstehe, was man hören muss, um entspannter zu sein. Wenn man voller Angst und Scham ist, ist es ja schwierig, dem Arzt überhaupt zuzuhören.

Ich lese viel über Kommunikation und habe mir über die Jahre einiges selbst beigebracht. Meist gelingt es mir gut und ich finde es immer ein schönes Erfolgserlebnis, wenn der Patient sagt: Ich bin richtig froh, dass ich da war. Ich habe jetzt etwas für mich mitgenommen. Dann sind wir beide glücklich.

Und wenn das Gespräch nicht so gut gelaufen ist?

Es wird immer Situationen geben, in denen man mit Menschen Schwierigkeiten hat. Das ist für mich genauso unbefriedigend, wie für den Patienten. Dann schaue ich bewusst noch einmal hin: Was kann ich künftig in solchen Situationen anders machen, was vielleicht professioneller? Vielleicht sich ein bisschen herausnehmen. Oder: Was macht es mit mir? Die Psychoanalytiker arbeiten ja auf diese Weise, dass man sich bewusst macht, welches Gefühl ein Patient in einem selbst auslöst, um dann daran zu arbeiten. Dass man die Dinge nicht persönlich nimmt, beleidigt oder gekränkt, eitel oder wie auch immer unprofessionell reagiert, sondern schaut: Was macht der Patient mit mir und wie gehe ich damit um? Damit kommt man, finde ich, ein ganzes Stück weiter und nutzt das wahrgenommene Gefühl für den weiteren Gesprächsverlauf.

Dr. med. Yael Adler ist Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit den Zusatzspezialisierungen Phlebologie und Ernährungsmedizin und seit 2007 in eigener Praxis in Berlin niedergelassen. Parallel arbeitet sie als Medizin-Moderatorin, Speakerin sowie in verschiedenen Medien (TV, Radio, Print).

 

Wenn die Haut eine Leinwand unseres Lebens ist, ist es nicht da gerade besonders wichtig, ganzheitlich heranzugehen?

Genau, weil viele Dinge sonst verborgen bleiben, aber trotzdem da sind. Wenn im Körper etwas aus der Balance geraten ist, manifestiert es sich häufig auch auf der Haut, sie ist das erste, was wir sehen. Werden Hautsymptome ganzheitlich behandelt, z.B. durch eine Umstellung der Ernährung, dem Auffüllen fehlender Mikronährstoffe, der Behandlung des Darms oder Psychotherapie, führt das oft auch zur Besserung anderer Symptome wie z.B. einer geringeren Infektanfälligkeit. Der Körper ist wieder besser in der Lage, sich selbst zu reparieren.

Das Problem in der heutigen Medizin ist das monokausale Denken. Hat ein Patient zu hohe Blutfette, bekommt er automatisch einen Fettsenker. Dabei gäbe es auch andere Möglichkeiten, z. B. mehr Ballaststoffe und pflanzenbetonte Kost zu sich zu nehmen, mehr Bewegung. Die vielfältigen Ursachen, die ein Symptom entstehen lassen, werden oft gar nicht einbezogen.

"Das Problem in der heutigen Medizin ist das monokausale Denken."

Worauf achten Sie bei der Diagnostik?

Ich bin auch Ernährungsmedizinerin und versuche, nicht nur mit Cortison und anderen Cremes zu behandeln. Ich prüfe z.B., ob bestimmte Mikronährstoffe im Mangel sind. Oft fehlen Omega-3-Fettsäuren, Selen, Vitamin D oder Zink. Bei Ekzemneigung gebe ich gern über drei Monate Zink, weil es bei ca. 300 Enzymreaktionen eine Rolle spielt. Das sind die vier Mikronährstoffe, die man, wenn man keine Begleiterkrankungen hat, blind nehmen darf in niedrigen freiverkäuflichen Dosierungen. Alle anderen Mikronährstoffe verordne ich nur nach einer Laborkontrolle. Wenn man fehlende Nährstoffspeicher wieder auffüllt, heilt die Haut oft von innen.

Den zweiten großen Bereich bildet der Darm. Mit einer Stuhlanalyse kann man prüfen, ob die Darmflora intakt ist. Schon die alten Dermatologen wussten, Buttermilch ist gut für die Haut. Dass sich eine gestörte Darmflora, etwa durch industrielle Zivilisationskost oder häufige Antibiotikaeinnahme auch auf die Haut auswirkt, hat die Forschung der letzten Jahre gezeigt.

Dann lege ich einen Fokus auf die Ernährungsberatung, mehr Gemüse und Ballaststoffe oder auch probiotische Nahrungsmittel bzw. Präparate. Gerade wenn jetzt wieder die Pollensaison beginnt, kann man mit der Stärkung des Darms erreichen, dass die Symptome sehr viel schwächer werden. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen, sodass es bei Pollenallergikern bei mir mittlerweile zum Standard gehört.

Ein Auge habe ich auch auf eventuelle hormonelle Störungen, so kann z.B. eine Schilddrüsenerkrankung Haut- und Haarprobleme verursachen.

Stehen diese ganzheitlichen Therapieoptionen wie die Ernährungsberatung und Mikronährstoffe bei Ihnen an erster Stelle?

Es kommt immer darauf an, was der Patient möchte. Manche möchten keine umfassende Beratung und Analyse, da muss man genau hinhören. Kommt ein Patient mit einem akuten Ekzem, können wir das erst einmal pragmatisch angehen, dann verschreibe ich auch eine Cortisoncreme und kläre ihn auf, was er weglassen kann.

Kommt das Ekzem aber wieder, ist es wichtig, ihn ganzheitlich zu betrachten. Es spricht dafür, dass im Körper etwas aus der Balance ist. Leider werden lange Gespräche und umfassendere Labordiagnostik für Kassenpatienten oft nicht bezahlt. Das ist ein großer Nachteil, weil es sehr viele Therapieoptionen ausschließt, und auch, dass der Patient selbst weiß, wie er handeln kann, um zu vermeiden, dass immer wieder neue Krankheitsschübe auftreten.

Sind diese Strategien aus Ihrer Erfahrung effizienter?

Ja, es spart am Ende Kosten. Aber nicht nur das. Wenn ein Patient immer wieder mit den gleichen Beschwerden kommt, habe ich ja auch ein Misserfolgserlebnis. Mein Ziel ist es, dass die Patienten nach der Behandlung rundherum gefestigt sind. Wenn jemand mit Haarausfall zu mir kommt, vielleicht schon eine Perücke getragen hat, und dann führen wir eine Ernährungstherapie durch, füllen die fehlenden Nährstoffe auf und nach ein paar Monaten wachsen die Haare wieder, ist das toll für beide Seiten.

Gerade bei der Ernährung ist es eigentlich gar nicht so kompliziert etwas umzustellen, trotzdem schaffen es viele Patienten nicht. Motiviert eine Hauterkrankung, weil sie äußerlich sichtbar ist?

Viele Patienten sind dazu bereit, wenn der Leidensdruck groß ist. Man muss sich aber drauf einlassen und den Willen haben, einen neuen Weg zu versuchen. Natürlich sündigt man hin und wieder, das ist menschlich. Dass Menschen gern essen, liegt nicht daran, dass sie schwach oder ahnungslos sind. Es ist ein archaischer Reflex, nach einer Hungersnot lustvoll große Mengen zu essen und er ist noch immer in uns. Auf die moderne Zivilisationskost mit ihren Dauer-Fress-Angeboten, Geschmacksverstärkern und vollem Kühlschrank mit Wurst, Fleisch und Milch sind wir evolutiv nicht eingestellt. Und wir mussten dafür nicht mal auf die Jagd gehen.

Welche Rolle spielt die Hygiene für kranke Haut?

Die meisten machen zu viel und übertreiben die Hygiene. Das hat mit einem falschen Hygieneverständnis zu tun, aber auch mit Gläubigkeit an das, was die Industrie sagt: Man brauche eine Waschlotion, ein Peeling, eine Tages- und eine Nachtcreme, ein Tonikum usw. Erst wird entfettet, dann muss man wieder fetten, weil es spannt. Im Grunde braucht man das alles nicht, sondern nur Wasser und ein Handtuch, fast wie in der Steinzeit, weil die Haut evolutiv auch noch in der Steinzeit ist.

Mit den Pflegeprodukten werden Konservierungsmittel, Farb- und Duftstoffe, Emulgatoren in Cremeform aufgetragen, um zu erreichen, was die Haut eigentlich selbst schafft: Die Oberhaut produziert Epidermisfette, die sich mit dem Talg der Talgdrüsen vermischen. Talg verteilt sich gerade nachts in der Bettwärme wie eine Pflegecreme über das Gesicht. Am Morgen genügt es völlig, Schweiß, Schüppchen und Staub einfach mit Wasser abzuspülen und dann in den Tag zu gehen. Dann bräuchte man auch nicht so viel zu cremen und hätte weniger Nebenwirkungen durch die Creme.

Nach meinem ersten Buch kamen viele neue Patienten zu mir. Manche bekamen erst nach 3 Monaten einen Termin, hatten aber schon aufgehört, ihre Pflegeprodukte zu benutzen. Viele brauchten den Termin dann eigentlich gar nicht mehr, weil der Juckreiz oder das Ekzem, das sie seit Jahren hatten, einfach durch das Weglassen der übermäßigen Pflege abgeklungen waren. Sie führten mir dann einfach nur ihre gesundete Haut vor.

„Wenn wir ständig seifen, zerstören wir die Haut-Mikrobiota: Manche Bakterien brauchen ca. 3 Wochen, um sich wieder anzusiedeln."

Und für den Körper, sollten wir beispielsweise täglich duschen?

Auch hier gilt, weniger waschen und vor allem weniger Reinigungsmittel verwenden. Am meisten schaden Desinfektionsmittel, weil damit alle Bakterien abgetötet werden, auch die lieben Türsteherbakterien unserer Mikrobioms. In der Arztpraxis oder im Krankenhaus sind sie notwendig, aber nicht im Alltag.

Empfehlenswert sind milde Reinigungsmittel wie spezielle synthetische Tenside. Am mildesten sind Zucker- und Kokostenside, ohne Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe, Glitzer und Schaum. Wenn wir davon kleine Mengen in den schwitzigen „Krisenregionen“ verwenden und sonst nur Wasser, ist das völlig ausreichend. Man könnte aber auch nur mit Wasser duschen. Das Interessante ist, dass wir dann nicht stinken, sondern wieder Bakterien auf der Haut siedeln, die uns gesund halten. Das ist nachgewiesen für Neurodermitis, Pollenallergie, Asthma und eben auch Körpergeruch. Bestimmte Bakterien, die Nitrosomonas eutropha, fressen den für schlechte Gerüche verantwortlichen Ammoniak auf und man riecht dann einfach gut. Wenn wir aber ständig seifen, zerstören wir die Bakterienflora auf der Haut. Manche Bakterien brauchen ca. 3 Wochen, um sich wieder anzusiedeln.

Welche Reinigungsmittel wir benutzen, beeinflusst auch den Haut-pH-Wert. In der Ökoszene verwenden viele alkalische Seifen und haben damit nach dem Waschen für ca. 8 Stunden einen alkalischen Haut-pH-Wert. Das heißt, der Säureschutzmantel ist in dieser Zeit nicht intakt, was wiederum eine Eintrittspforte für Pilze und Viren, aber auch Geruchsbakterien ist. Also – die Hautmikrobiota braucht es sauer und nicht übermäßig hygienisch.

Die Diskussion zu Vitamin D ebbt nicht ab. Was empfehlen Sie als Hautärztin, in die Sonne gehen oder substituieren?

Wer in die Sonne gehen möchte, muss darauf achten, nicht zu lange in der Sonne zu sein. Wir haben, je nach Hauttyp, einen Eigenschutz. Hellhäutige Menschen sollten sich ungeschützt nicht länger als 10–15 Minuten der Sonne aussetzen. Und z.B. auf einer Radtour oder am Strand sollte man sich mit Kopfbedeckung, Sonnenbrille, Kleidung und Sonnencreme schützen. Die Hautkrebsraten sind leider massiv angestiegen, das liegt auch am veränderten Freizeitverhalten draußen in der Sonne. 10–15 Minuten reichen für die Vitamin-D-Bildung oft (jedoch nicht immer) aus und man muss ja nicht das sowieso schon strapazierte Gesicht in die Sonne halten, es kann auch der Bauch, der Rücken oder Po sein.

Ich empfehle, wenn man sich unsicher ist, den Vitamin-D3-Spiegel im Blut bestimmen zu lassen und bei einem Mangel zu substituieren. Es gibt inzwischen viele Studien, die belegen, Vitamin D spielt an vielen Stellen im Körper eine Rolle. Nach meiner Auffassung ist es zu wichtig, um einen Mangel zu ignorieren. Die vielfältigen positiven Effekte sehe ich bei meinen Patienten täglich.

Die Haut sagt uns auch, wie alt wir sind. Warum haben wir solche Probleme mit dem Altern?

Das Altern ist eines der ältesten Tabuthemen der Menschheit, es erinnert uns an den Tod. Der Tod ist die schlimmste Kränkung für uns Menschen, weil er unsere narzisstische Eitelkeit berührt. Alter und Krankheit erinnern uns an die Vergänglichkeit. Deshalb möchten wir es verdrängen und tabuisieren es, oft auch unbewusst.

Können wir das Alter nicht mit einer guten Anti-Aging-Pflege hinauszögern?

Bei der Recherche für mein Buch [2] für das Kapitel zum Altern habe ich sehr viele Studien gelesen. Es gibt wirklich tolle Publikationen darüber, welche Bausteine das Jungbleiben beeinflussen. Sie haben alle mit dem Lebensstil zu tun: gesunde Ernährung, Fasten, Bewegung, ausreichend guter Schlaf, Sonnenschutz, Rauchverzicht. Die Haut hat eine tolle Barriere, die uns vor dem Eindringen von Bakterien, Allergenen und Giften schützt und eben auch vor dem Eindringen von Anti-Aging-Substanzen. Sie bleiben auf der Hornschicht liegen und plustern die Haut vielleicht oberflächlich ein bisschen auf. In die zweite Hautschicht, wo mit zunehmendem Alter Kollagen und elastische Fasern verloren gehen und Hyaluronsäure fehlt, gelangen diese Substanzen gar nicht. Es werden noch nicht einmal Altersflecken oder erweiterte Äderchen durch Cremes verbessert. Das kann man sich wirklich sparen.

Prävention ist ganz wichtig, der Lebensstil, dass es unserer Seele gut geht und einfach auch zur Kenntnis zu nehmen: Wir altern in allen Etagen und vom ersten Tag an, allein dadurch, dass wir leben.

Haben Sie ein paar Tipps, was man bei Hautproblemen erst einmal probieren kann, ohne gleich chemische Substanzen einzusetzen?

Ich behandle sehr oft mit Aloe vera, z.B. bei Sonnenbrand, nach einer Laserbehandlung, bei akuten Hautverletzungen oder bei nicht allergischen akuten Hautzuständen. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

Schwarzteeumschläge wirken fast so wie ein mildes Cortison. Man braucht dazu einen nicht aromatisierten schwarzen Tee, lässt ihn etwa 10 Minuten ziehen und legt ein damit getränktes Tuch auf die akut entzündete Haut, etwa 2–3-mal täglich für 10 Minuten. Die Umschläge wirken austrocknend und adstringierend, die Entzündung bildet sich zurück.

Ist die akute Entzündung abgeklungen, kann man mit Cremes anfangen, hier habe ich sehr gute Erfahrungen mit Naturfetten. Wenn kein Wasser enthalten ist, verderben sie nicht so schnell. Konservierungsmittel sind unnötig. Und es sollten immer nur die Stellen gecremt werden, die trocken sind und spannen. Ich bin Fan von 100 % unraffinierter Shea-Butter.

Ein einfacher Tipp, den ich meinen Patienten gern mitgebe, ist Apfelessig: Einfach ein bis zwei Esslöffel Apfelessig in einen Liter Wasser geben – die Mischung hat einen pH-Wert von ca. 4,8, etwa wie die Haut – und damit die entsprechende Hautregion benetzen, das lindert sehr viele Hautprobleme. Man kann das auch in der Bartregion oder auf der Kopfhaut anwenden.

Ich empfehle auch sekundäre Pflanzenstoffe, die antioxidativ wirken: z.B. jeden Tag ein Glas Karottensaft mit einem Tropfen Öl trinken. Auf diese Weise wird das Betakarotin gut herausgelöst vom Körper aufgenommen und ist als Provitamin A nicht lebertoxisch. Das ist auch ein guter Tipp für Menschen mit Sonnenempfindlichkeit oder Sonnenallergie. Ist die Haut, nach ca. 4–6 Wochen, schön orange, verlängert sich ihr Eigenschutz. Als Antioxidans hat es auch Reparaturfunktion. Und es gilt nach Studienlage auch als attraktiver als sonnengebräunte Haut. Unser archaisches Ich fliegt eben auf Signale, die Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit versprechen.

Das Gespräch führte Anke Niklas.

Zum Weiterlesen

[1] Adler Y. Haut nah. Alles über unser größtes Organ. München: Droemer; 2016

[2] Adler Y. Darüber spricht man nicht. Weg mit den Körpertabus. München: Droemer; 2018

Dass der Darm und das Darmmikrobiom nicht nur das Wohlbefinden beeinflussen, sondern auch zahlreiche Beschwerden und Erkrankungen, belegen immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen. Lesen Sie in unserem Themenschwerpunkt, welche bewährten Optionen die Komplementärmedizin bietet: