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Natürlich Medizin!

InterviewDen Atem wahrnehmen, den Körper spüren, Spannungen loslassen

Mann breitet Arme vor blauem Himmel aus; Gefühl der Freiheit
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Die psychophysische Atemtherapie bezieht den ganzen Körper ein: Ängste können gelindert, Stress reduziert und die Körperwahrnehmung verbessert werden. Ein Gespräch mit der Atem- und Körpertherapeutin Dr. Karoline von Steinäcker.

Sie sind seit vielen Jahren als Atemtherapeutin tätig. Es ist immer wieder zu lesen, dass viele Menschen falsch atmen. Stimmt das so pauschal?

So pauschal stimmt das sicher nicht. Jeder Mensch atmet so, wie er kann. Manche Menschen haben sich vielleicht eine ungünstige Atmung angewöhnt, z.B. eine sehr kurze oder sehr flache Atmung. Normalerweise atmen wir einer Situation entsprechend.

Wie atmen wir richtig?

Wir atmen richtig, indem wir eine Vollatmung praktizieren. Das heißt, das Zwerchfell wird einbezogen, beim Einatmen wölbt sich der Bauch nach oben, der Brustkorb und die Flanken dehnen sich. Das ist auch möglich, wenn wir uns hinunter- oder zur Seite beugen, dann atmen wir in den Rücken oder in die Seite.

Mit der Atmung führen wir dem Organismus nicht nur Sauerstoff zu. Wie beeinflusst der Atem den Körper?

Ein wesentliches Beispiel ist die Angstatmung. Man sieht sie den Menschen an: Sie ziehen die Schultern hoch, weil sie Angst haben. Bei einer Angstatmung atmet man natürlich falsch, meist sehr flach. Menschen, die z.B. als Kind oft Angst hatten, haben sich diese Angstatmung angewöhnt. Darauf kann man mit einer Atemtherapie sehr gut Einfluss nehmen.

Welche Arten von Atemtherapien gibt es?

Es gibt grundsätzlich zwei unterschiedliche Richtungen:

Zum einen in der Physiotherapie: Dort richtet sich eine Atemtherapie auf pathologische Situationen, z.B. bei Asthma oder einer Lungenentzündung. Man versucht hier mit der Atemtherapie krankhafte Atemmuster und damit die pathologische Situation positiv zu verändern.

Auf der anderen Seite haben wir die psychophysischen Atemtherapien. Dazu gehören beispielsweise die Atemtherapien nach Middendorf, nach Glaser oder nach Gerda Alexander. Psychophysische Atemtherapien haben eine andere Herangehensweise. Sie finden im Liegen statt, der Therapeut/die Therapeutin arbeitet auch mit dem Körper, z.B. mit sanften Massagen oder Dehnungen. Der Atem des Patienten geht dann dorthin, wo die Hände sind. Die psychophysische Atemtherapie ist eine Körpertherapie, die auch, aber nicht nur mit Atemübungen arbeitet. Das heißt, sie wirkt körperlich anregend und kann so zur Gesundung beitragen. Der Patient lernt sich und seinen Körper besser kennen, er entwickelt ein besseres Körpergefühl. Auf diese Weise können z.B. Fehlhaltungen korrigiert werden oder der Patient fühlt sich einfach besser.

Mit der psychophysischen Atemtherapie wird der ganze Mensch einbezogen, auch im physischen Erleben seines Körpers.

Studien haben ergeben, dass Rückenschmerzpatienten häufig eine Symptomlinderung durch die Atemtherapie erfahren. Worauf lässt sich das zurückführen?

Während meiner Tätigkeit in der naturheilkundlichen Abteilung im Immanuel Krankenhaus hatten wir viele Rückenschmerzpatienten, vor allen Dingen auch Fibromyalgiepatienten mit Rückenschmerzen. Durch die sanften Berührungen bei der Atemtherapie haben diese Patienten häufig eine Schmerzlinderung erlebt. In der Atemtherapie arbeiten wir mit sanften Dehnungen der Muskulatur, mit Klopfen, mit Drücken, mit Streichen und natürlich mit dem Atem. Wir achten ganz individuell bei jedem Patienten darauf, wie die Atmung verläuft. Atmet ein Patient z.B. stereotyp nur in den Bauch, versuchen wir, die Atmung in den Rücken zu führen. Der Patient lernt so, den Atem wahrzunehmen, seinen Körper zu spüren, die Spannung seiner Muskulatur und im besten Fall auch Muskelspannungen loszulassen.

Sie haben auch Erfahrungen in der Onkologie.

Man kann die psychophysische Atemtherapie bei allen Krebserkrankungen gut anwenden, weil man sanft arbeitet und sehr auf den Menschen eingeht, auch nonverbal. Nach meiner Erfahrung genießt das ein Krebspatient sehr. Streicht man ihm den Rücken, fühlt sich sein Rücken in diesem Moment stark an und er kann vielleicht Rückenschmerzen loslassen, zumindest für den Moment. Und er fühlt sich besser.

Bewirkt die psychophysische Atemtherapie direkt etwas an der Lunge?

Nicht primär. Sie arbeitet zwar mit der Tiefenatmung, aber nicht an der Lunge selbst. Das ist der Unterschied zu einer Atemtherapie in der Physiotherapie, die direkt an der Lunge arbeitet und versucht, die Lungenkapazität zu verbessern. Mit der psychophysischen Atemtherapie wird versucht, den ganzen Menschen zu erreichen: in seiner Körperlichkeit und auch im psychischen Erleben.

In Palliativsituationen leiden viele Patienten unter Atemnot. Entweder organisch oder psychisch bedingt. Mit welchen Strategien kann man atemtherapeutisch intervenieren?

Sehr oft haben die Patienten Angst. Angst vor dem Tod, Angst vor Schmerzen, Angst vor dem Sterben. Atemtherapeutisch versucht man dann, diesen Patienten zu entängstigen, ihn freier atmen zu lassen. Eine Angstatmung ist sehr eingeengt. Wenn es gelingt, das Atemvolumen zu vergrößern, mildert sich gleichzeitig auch die Angst. Dazu eignen sich z.B. weite Armbewegungen. Oder Techniken, die das Zwerchfell anregen, zu atmen und sich zu bewegen – es ist durch die Angst oft festgestellt. Durch gezielte Atemübungen kommt das Zwerchfell in Bewegung und der Betroffene meist wieder zu Atem. Beispiele sind das Tönen von Vokalen wie „peteke“ oder Konsonanten kurz hintereinander auszusprechen wie „ftftft“.

Dr. phil. Karoline von Steinaecker ist Atem- und Körpertherapeutin. Sie promovierte im Fach Erziehungswissenschaften zur Geschichte der Atem- und Körpertherapie. 1979–2005 arbeitete sie in privater atemtherapeutischer Praxis und in der Abteilung Naturheilkunde der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seit 2005 Atem- und Körpertherapie in Verbindung mit psychoonkologischer Beratung in verschiedenen Kliniken in Berlin sowie Leiterin des Instituts für atem- und körpertherapeutische Weiterbildung. Lehraufträge für Atemtherapie u.a. an der Charité. Forschungsarbeiten zur Wirksamkeitsprüfung von Atemtherapie.

 

Wie ist die Evidenz für Atemtherapien. Gibt es belastbare Studien?

Es existieren durchaus belastbare Studien. Beispielsweise wurde 2006 eine Studie zur Burnout-Prophylaxe im Lehrerberuf durchgeführt, die den Einfluss einer Atemtherapie nach Middendorf auf den Umgang mit berufsbedingten Stresssymptomen überprüft hat. Im Ergebnis hat die Atemtherapie zu Verbesserungen im Umgang mit Stress geführt. Studien liegen auch zum Asthma bronchiale und zu chronischen Rückenschmerzen vor. Eine Übersichtsarbeit von 2017 hat ergeben, dass klare Hinweise für die Wirksamkeit einer Atemtherapie bei Asthma, Rückenbeschwerden, Herzdysfunktionen, Schmerzen und Angstzuständen bestehen.

Es sind oft nur kleine Studien möglich, da hier keine Pharmafirmen für die Finanzierung dahinterstehen.

Mit welchen Designs lassen sich Atemtechniken, Atemtherapien und deren Wirkungen evaluieren?

Die Studien werden mit den gängigen Studiendesigns wie kontrollierte Doppelblindstudien durchgeführt. Wir haben beispielsweise vor einigen Jahren eine Studie zur Anwendung der Atemtherapie bei Brustkrebspatientinnen durchgeführt. Wir wollten schauen, welche Maßnahmen förderlich im Umgang mit Stress nach einer Krebserkrankung sind. Dabei erhielt die Kontrollgruppe eine Unterrichtung zum Umgang mit Stress nach einer Krebserkrankung. Die andere Gruppe erhielt Atemtherapie, ein Gesundheitstraining und autogenes Training. Dann haben wir uns die Unterschiede angeschaut. Das autogene Training hat im Vergleich nicht ganz so gut abgeschnitten, aber sowohl das Gesundheitstraining als auch die Atemtherapie hatten sehr positive Effekte auf den Umgang mit Depression.

Ängste lindern, Stress reduzieren, den Körper besser wahrnehmen. Jeder von uns hat Stress im Alltag. Wie sollten wir das sprichwörtliche „kurz durchatmen“ praktizieren?

Am besten sollten Sie sich hinsetzen, anlehnen und versuchen, locker zu sein. Ganz wichtig: Beide Füße sollten am Boden sein. Die Hände locker auf den Oberschenkeln. Das ist eine gute Position. Und dann tief in den Bauch atmen. Oder die Hände aufdehnen. Oder leichte, ganz kleine Bewegungen machen, die die Atmung anregen. Zum Beispiel beim Einatmen die Zehen oder die Hände aufdehnen und beim Ausatmen wieder lösen. Solche Techniken sind hilfreich in Stresssituationen. Dafür braucht man nur drei bis fünf Minuten.

Danach ist man entspannter?

Das sollten Sie sein. Ja.

Inzwischen findet man in Ratgebern, in Publikumszeitschriften, im Internet kleine Atemübungen für zwischendurch. Gibt es Grenzen, wann man besser einen ausgebildeten Atemtherapeuten aufsuchen sollte?

Die Atemtherapie, die ich vertrete, geht davon aus, dass man den Atem lässt, wie er ist, und dann langsam verändert. Mit diesen Atemübungen kann man wenig falsch machen. Es sei denn, man praktiziert spezielle Techniken, wie es sie z.B. im Yoga gibt.

Eine gut ausgebildete psychophysische Atemtherapeutin finden Sie beim Berufsverband BVATEM.

Herzlichen Dank für das Interview!

Das Interview führte Anke Niklas.

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