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Klima und Gesundheit15 Maßnahmen zur CO2-Reduktion im Klinikalltag

Weltkugel und Stethoskop auf blauem Hintergrund.
LIGHTFIELD STUDIOS/stock.adobe.com

Der Medizinsektor trägt maßgeblich zum Klimawandel bei. Praxen und Kliniken können bereits durch Umsetzung einfacher Maßnahmen zum Klimaschutz beitragen.

Der Medizinsektor hat in Deutschland und weltweit einen hohen Anteil am Klimawandel. Mit einfachen niederschwelligen Maßnahmen wäre es möglich, wesentliche Bereiche in Klinik und Praxis klimafreundlich umzustellen. Dazu bräuchte es den Willen zum Umdenken – auf allen Ebenen.

In diesem Jahr fiel der Earth Overshooot Day für Deutschland auf den 4. Mai 2022. Seit diesem Tag verbraucht die Bundesrepublik mehr natürliche Ressourcen als bis zum 31. Dezember wieder nachwachsen könnten. Neben bekannten Branchen wie der Automobilindustrie und der Landwirtschaft trägt der Medizinsektor überproportional zum Klimawandel bei – weltweit ist er verantwortlich für etwa 6 Prozent der Treibhausgasemissionen. Für uns Menschen ist der Klimawandel in vielerlei Hinsicht gesundheitsschädigend: So ist für die Frauenheilkunde längst ein Zusammenhang zwischen mütterlicher Feinstaubbelastung und einem assoziierten Frühgeburtsrisiko belegt. Hinzu kommen vor allem auch Krebsleiden, die durch Luftverschmutzung mitverursacht werden können. Expert*innen fordern deshalb dringlich, dass Klimaschutz zeitnah in die Bemühungen für Patientensicherheit einbezogen werden sollte [1].

Die internationale Ärzteschaft hat sich bereits 2019 in einer Resolution zum Klimanotstand bekannt. Darin fordern sie die nationalen Regierungen auf, bis 2030 CO2-Neutralität zu erreichen, um lebensbedrohliche Gesundheitsfolgen der Klimakrise zu minimieren [2].

Maßnahmen für aktiven Klimaschutz in Kliniken und Praxen

„Aus unserer ganz praktischen Arbeitserfahrung einer Frauenklinik ist es essenziell, dass gemeinsam kreativ und niederschwellig gedacht wird. So können auch ohne unmittelbare große finanzielle Investitionen Sofortmaßnahmen für einen aktiven Klimaschutz ergriffen werden, vorausgesetzt, die Klinikleitung zieht hier mit.“ sagt Prof. Annette Hasenburg, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit an der Universitätsmedizin Mainz. Während die energetische Sanierung von Gebäuden großer Investitionen bedarf, gibt es Maßnahmen, die kurzfristig und einfach umgesetzt werden können. 

15 Maßnahmen zur CO2-Reduktion:

  1. Einführung der strukturellen, personellen und fachlichen Voraussetzungen für Etablierung eines Nachhaltigkeitskonzepts
  2. Einstellung eines/einer Klimamanager*in
  3. Erstellung von „Nachhaltigkeits-SOPs“
  4. Information und Schulung von Mitarbeiter*innen für Aspekte der Nachhaltigkeit
  5. Aufnahme des Ziels „Klimaneutralität“ in Unternehmensziele
  6. jährliche Bestimmung des CO2-Fußabdrucks zur Erfolgskontrolle
  7. Gebäudemanagement: Nutzung des energetischen Sparpotentials (LED Leuchten, Bewegungsmelder, nächtliche Reduktion von Klimaanlagen z.B. in OPs, Überarbeitung von Lüftungs- und Heizkonzept)
  8. Reduktion von Einmalartikeln
  9. konsequentes und funktionierendes Recycling-Konzept in allen Bereichen
  10. Austausch klimabelastender Narkosegase, Scavenging- und Recycling-Systeme für Narkosegase
  11. Verwendung erneuerbarer Energien, E-Transporter für Transportdienste
  12. Jobticket, abschließbare Fahrradgaragen, Ladesäule für E-Bikes und E-Autos
  13. Umsetzung der Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)
  14. papierloses Krankenhaus (digitale Akte), papierloses Semester, umweltfreundliche Suchmaschinen
  15. Nutzen der Schwarmintelligenz durch Partizipation (Ideenwettbewerbe, Veröffentlichung von Fortschritten in Richtung Nachhaltigkeit)

Prof. Martin Weiss, Facharzt am Department für Frauengesundheit an der Universität Tübingen, betont, dass der effizienten Koordination von Maßnahmen zwischen Ärzt*innen eine wesentliche Rolle beim gelebten Klimaschutz zukommt. So könnten etwa unnötig wiederholte Tests und überflüssiger ressourcenraubender Medikamentenverbrauch vermieden werden. Die Umwelt schonen würden außerdem wiederaufbereitete Medizinprodukte, die jedoch gerade im ambulanten Bereich so gut wie verdrängt worden seien. Dieser Effekt habe sich seit der COVID-19-Pandemie verstärkt. Grundsätzlich könne, das betonen die beiden Vertreter*innen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG e.V.), jede Einrichtung im Gesundheitssektor ihren ökologischen Fußabdruck binnen kurzer Zeit mittels Dienstleister bestimmen lassen.

„Krankenhaus-Klimafonds“ als Unterstützung für den Medizinsektor

Mit Blick auf eine systematische klimafreundliche Sanierungskampagne der deutschen Krankenhauslandschaft unterstützt der DGGG-Vorstand den Vorschlag von Gesundheitsökonomen wie Prof. Boris Augurzky, Träger des Zukunftspreises vom Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands e.V. (VLK) [3]. „Die Idee, einen „Krankenhaus-Klimafond" aufzulegen, der von Bund und Ländern gefüllt wird, ist sinnvoll. Denn auch aus unserer Sicht haben Krankenhäuser in Deutschland – ob kommunal oder privatwirtschaftlich geführt – flächendeckend nicht die Kraft, um im ausreichenden Maße in Klimaschutz zu investieren“, betont Prof. Anton J. Scharl, DGGG-Präsident. Der Krieg in der Ukraine und die damit einhergehende Verknappung der Gasversorgung dürften den Druck auch auf Kliniken und Praxen erhöhen, ressourcenschonender zu agieren und kreativ nach neuen Wegen zur Reduktion des jeweiligen CO2-Abdrucks zu suchen.

Referenzen

[1] Weiss M. Die Spuren, die wir hinterlassen – Umweltbelastung der modernen Medizin. Frauenarzt 2022; 63(4): 238-241

[2] WMA Resolution on Climate Emergency – WMA – The World Medical Association

[3] Dtsch Arztebl 2022; 119(15): A-648 / B-541

Quelle: Pressemitteilung/Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.

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