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NeurowissenschaftenWarum Samba-Rhythmen auch Tanzmuffel mitreißen

Pandeiro, traditionelles Samba-Instrument, Konfetti
Ciceia Almeida/stock.adobe.com

Trommeleinheiten, die exakt im Takt spielten, lösten in der Studie Freude beim Hören und die Lust zu tanzen aus.

Wie viel Frohsinn Samba-Rhytmen verbreiten, lässt sich jedes Jahr in Rio de Janeiro bei den Karnevalsumzügen beobachten. Sie reißen die Menschen mit zu tanzen und fröhlich zu sein. Auch Menschen, die sich als Karneval- und Tanzmuffel bezeichnen.

Worin das Geheimnis dieser Musik und die Ausdruckskraft der Trommelgruppen liegen, haben Wissenschaftler*nnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) und des D’OR Institut für Forschung und Lehre in Rio de Janeiro herausgefunden: Es ist die Synchronie, mit der die Musiker*innen zusammenspielen. Sie aktiviert besonders die Hirnareale, in denen Rhythmus und Bewegung verarbeitet werden und die zu Vorhersagen beitragen.

Um herauszufinden, was die Freude und den unwiderstehlichen Drang zu tanzen und sich zu bewegen auslöst und was dabei im Gehirn passiert, reiste die Leipziger Neurowissenschaftlerin Annerose Engel nach Rio de Janeiro. Sie engagierte einen anerkannten Meister einer Samba-Trommeleinheit. Der nahm die typischen neun Rhythmusinstrumente auf und arrangierte daraus ein typisches Musikstück. Im Anschluss daran variierte Engel die Aufnahmen, indem sie das Zusammenspiel dieser Instrumentengruppen manipulierte.

Im Mittelpunkt standen die snare drums, die Marschtrommeln, die der Gruppe einen akzentuierten stetigen Puls vorgeben. Sie erklangen entweder in ihrer Originalversion ohne Verzögerung – oder mit 28, 55 oder 83 Millisekunden Verzögerung im Verhältnis zu den anderen Instrumenten. So, als spiele die gesamte Truppe nicht mehr exakt im Takt.

Diese Versionen bekamen zuerst 12 Studienteilnehmer*nnen in unterschiedlicher Lautstärke (laut mit 85 db oder sehr laut mit 95 db) zu hören. Sie beurteilten jeweils, wie stark ihr Drang war, sich dazu zu bewegen und wie angenehm sie die Aufnahmen empfanden. In einem zweiten Experiment lauschten weitere 21 Studienteilnehmer*nnen den Musikausschnitten, während ihre Gehirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomographie gemessen wurde. Dabei nahmen nur die Menschen an der Studie teil, die Samba-Rhythmen mochten und meist selbst den Samba-Rhythmus auch spielen konnten.

Ergebnisse

Es zeigte sich: Die Trommeleinheiten, die exakt im Takt spielten, wurden als besonders angenehm und animierend wahrgenommen. Selbst kleine Abweichungen vom Takt (weniger als 50 ms) lösten noch Freude beim Hören und die Lust zu tanzen, also das Groove-Gefühl, aus. Je lauter die Stücke ertönten, desto stärker wurde der Drang, sich zu bewegen – jedoch nur dann, wenn die Instrumente im Takt spielten. Interessanterweise waren Studienteilnehmer*nnen, die in einem Test ein besonders gutes Rhythmusgefühl zeigten, besonders sensitiv für die Manipulation der Synchronie zwischen den Instrumentengruppen.

Dieses Groove-Erleben spiegelte sich auch in den Hirnprozessen der Teilnehmer*nnen wider:

Je synchroner die Trommeln der verschiedenen Instrumentengruppen erklangen, desto aktiver waren das supplementär-motorische Areal, ein Netzwerk, das für Bewegungen und die Wahrnehmung von Rhythmen zuständig ist, sowie der linke prämotorische Cortex und der linke frontale Gyrus. Diese Hirnregionen treten nicht nur bei Bewegungen in Aktion, sondern auch, wenn etwas vorhergesagt werden soll – ein fundamentaler Prozess unserer Wahrnehmung.

„Die Aktivität im Netzwerk dieser motorisch assoziierten Regionen könnte die neuronale Grundlage für das Empfinden von Groove sein, insbesondere dem ausgeprägten Bewegungsdrang“, erklärt Engel. „Je synchroner die Instrumente zusammenspielen, desto klarer kann der zugrundeliegende Takt erfasst werden. Das vereinfacht vermutlich die Vorhersageprozesse.“

Zudem könnte die Wahrnehmung von Synchronie zwischen den Instrumenten auch eine soziale Verbundenheit erzeugen. Ein Teil der Studienteilnehmer*innen gab an, bei Sambamusik besonders intensive Emotionen zu empfinden. Bei ihnen, den sogenannten deep listeners, zeigte sich während der synchronen Trommeleinheiten eine stärkere Aktivität im subgenualen cingulären Kortex – einer Hirnregion, in der soziale Bindung, prosoziales Verhalten und Gruppenidentifikation verarbeitet wird. Vermutlich triggert die Wahrnehmung von Synchronie Kopplungsprozesse im Gehirn, die wiederum eine wichtige Rolle beim emotionalen Erleben haben.

Die Forscher*nnen gehen davon aus, dass sich die Beobachtungen auch auf andere Musikstile wie Jazz oder elektronische Musik aber auch auf rituelle Trommelmusik anderer Kulturen übertragen lassen. Je besser das Zusammenspiel zwischen MusikerInnen oder Klängen, desto klarer der Puls – und desto stärker das erzeugte Groove-Empfinden.

Fazit

Die Erkenntnisse könnten in der Neurorehabilitation hilfreich sein. Für die Behandlung eines Schlaganfalls oder anderer neurologischer Erkrankungen wird Musik gezielt eingesetzt, um durch rhythmische Stimulation Bewegungsabläufe, aber auch Aufmerksamkeit und andere kognitive Fähigkeiten zu trainieren. „Musik, die ein Groove-Erleben fördert, könnte sich dafür besonders eignen“, so die Neuropsychologin.

Quelle: Pressemitteilung/Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

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