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NährstoffeKomplikationen nach Herz-OP: Potenzial von Antioxidantien untersucht

Lässt sich die Komplikationsrate nach Herz-OPs mit antioxidativen Spurenelementen senken? Forscher*innen haben erste Studienergebnisse veröffentlicht.

Selen im Periodensystem auf einem Würfel, Periodensystem
tuncelik81/stock.adobe.com

Potenzial von Selen zur Senkung der Komplikationsrate nach Herz-OPs untersucht

In einer groß angelegten Studie hat ein deutsch-kanadisches Forscher*innen-Netzwerk überprüft, ob die hochdosierte Gabe des Spurenelements Selen die Sterblichkeit und Krankenhausaufenthalte nach komplexen herzchirurgischen Eingriffen verringern kann.

Eine Hoffnung lag bislang im Spurenelement Selen, da es als essenzieller Kofaktor vieler antientzündlich wirksamer Enzyme die körpereigenen Abwehrmechanismen stärken kann. Mehrere kleinere Studien hatten in den vergangenen Jahren auf signifikante klinische Vorteile einer Selen-Supplementierung bei Patient*innen mit komplexen herzchirurgischen Eingriffen hingewiesen. Die sustainCSX-Studie hat nun gezeigt, dass die intravenöse Gabe hochdosierten Selens vor, während und nach der Operation nicht zu einer signifikanten Verringerung der Mortalität und Morbidität führt.

Hintergrund: Komplikationen bei jedem fünften Eingriff

Erstautor Prof. Christian Stoppe vom Uniklinikum Würzburg erläutert die Hintergründe des Forschungsprojekts:

„Die Zahl an Herzoperationen steigt jedes Jahr weltweit weiter an, trotz Zunahme von minimal-invasiven Verfahren in der Kardiologie. Das hat nicht nur demografische Gründe, sondern liegt auch an den verbesserten Operationsmethoden, schonenderen Narkosen und einer verbesserten sich anschließenden intensivmedizinischen Behandlung. Aufgrund des allgemein steigenden Durchschnittsalters der Patient*innen und der zunehmenden Begleiterkrankungen, werden die herzchirurgischen Eingriffe jedoch oft komplexer und länger, wodurch die Gefahr für lebensbedrohliche Komplikationen steigt. So entwickeln sich oft postoperative Organdysfunktionen, die umfassende intensivmedizinische Maßnahmen erfordern.“

sustain CSX-Studie: Selen und postoperatives Multiorganversagen

Hintergrund: In einer vorhergehenden Studie hatten Christian Stoppe und Kollegen herausgefunden: Wenn Herzoperationen unter Verwendung der Herz-Lungen-Maschine durchgeführt werden, das Blut also außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert und wieder zurückgepumpt wird, führt das zu einem Rückgang von antioxidativen Spurenelementen. Es entsteht oxidativer Stress, der eine Entzündungsreaktion auslöst. Die Entzündungsreaktion wiederum wirkt sich negativ auf die Funktion der Blutgefäße und Organsysteme aus.

„In der Beobachtungsstudie konnten wir niedrige Selenspiegel mit postoperativen Multiorganversagen in Verbindung bringen“, berichtet Stoppe. „In einer nachfolgenden Anwendungsbeobachtung zeigten sich klinische Vorteile einer Selen-Supplementierung bei herzchirurgischen Patient*innen.“ Das Spurenelement trägt zu entzündungshemmenden und immunstimmulierenden Prozessen im Körper bei.
Um die Selen-Therapie in die Leitlinien aufnehmen zu lassen, fehlte jedoch ein höheres Maß an Evidenz. Daher hat Christian Stoppe gemeinsam mit Prof. Daren K. Heyland vom kanadischen Kingston General Hospital die sustainCSX-Studie ins Leben gerufen.

Studie: In der multizentrischen, randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten sustain CSX-Studie wurden an 23 Standorten in Deutschland und Kanada insgesamt 1394 Herzpatient*innen untersucht. Sie wiesen nach dem EuroSCORE II ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko auf (> 5 Prozent) oder bei ihnen waren mehrere chirurgische Eingriffe geplant. Nach dem Zufallsprinzip erhielt die Hälfte von ihnen 2000 Mikrogramm Natriumselenit vor der Herz-OP, gefolgt von 2000 danach und weitere 1000 Mikrogramm Natriumselenit täglich auf der Intensivstation für maximal 10 Tage. Die Vergleichsgruppe erhielt ein Placebo.

Ergebnisse: Die hochdosierte Selen-Supplementierung konnte die Entwicklung von Organfunktionsstörungen nicht signifikant reduzieren. 4,2 Prozent der Studienteilnehmer*innen verstarben innerhalb von 30 Tagen nach der OP in der Selengruppe, 5 Prozent in der Placebogruppe.

Kommentar: „Eine Selen-Supplementierung kann aber möglicherweise die Notwendigkeit zur Wiederaufnahme auf eine Intensivstation verringern“, gibt Stoppe zu Bedenken. „Ebenso bleibt aufgrund des technischen Fortschritts und der stetigen Verbesserungen im Bereich der Herzchirurgie offen, ob sich zukünftige Interventionen nur auf Patient*innen mit erhöhtem Risikoprofil fokussieren sollen. In der klinischen Praxis wird es immer wichtiger, Strategien zu entwickeln, um Patient*innen mit erhöhter Komplikationsgefahr frühzeitig zu identifizieren und nur ihnen etwaige Nährstoffe zu verabreichen.“

modifyCSX-Studie: Fischöl zur Stärkung des Immunsystems

Der Fokus des aktuellen Forschungsvorhabens liegt nun auf einer frühzeitigeren Stärkung des Immunsystems.

In der neuen modifyCSX-Studie will das internationale Team die intravenöse Gabe von Fischöl 12 bis 24 Stunden vor der Operation testen. Ziel ist es, das Immunsystem zu stärken und die Entstehung von postoperativen Herzrhythmusstörungen zu reduzieren, was die postoperative Erholung entsprechender Patient*innen signifikant verbessert. „Da viele Patient*innen erst einen Tag vor der Operation stationär aufgenommen werden, müssen wir dieses Fenster maximal nutzen“, erklärt Stoppe.

Quelle: Universitätsklinikum Würzburg

Literatur

Stoppe et al. Effect of High-Dose Selenium on Postoperative Organ Dysfunction and Mortality in Cardiac Surgery PatientsThe SUSTAIN CSX Randomized Clinical Trial. JAMA Surgery 2023; DOI: 10.1001/jamasurg.2022.6855